Maßregeln wie im Bilderbuch

Der Flüchtling an sich hat bekanntermaßen noch niemals ein Schwimmbad gesehen und wenn, dann will er dort bloß reine deutsche Frauen angrabschen! Folgerichtig „verbieten“ bundesweit Schwimmbäder den Aufenthalt für Flüchtlinge oder fordern, wie in Österreich, gar „Begleitpersonen“. Blöderweise hat sich herumgesprochen, dass solche Praxen irgendwie gar nicht so richtig legal sind (Stichwort: AGG). Mist.

Immerhin darf in Bilderbuch-Manier gemaßregelt werden, auch die Berliner Bäder sind nun mit dabei und hängen in 35 Schwimmbädern Comic-Regeln aus. Wer erst kürzlich in einer Nusschale, zum Beispiel über das Mittelmeer geflohen ist, freut sich sicherlich besonders über Hinweise wie diese:

via rbb

HOAXmap – Enttarnte Propaganda

Falschmeldungen über angebliche Straftaten von Flüchtenden und Asylbewerber_innen werden nicht erst seit den jüngsten rechten Umtrieben gezielt gestreut. Warum das so ist und wie genau Strategien von Rechten im Netz aussehen, erläutert zum Beispiel die Amadeu Antonio Stiftung in ihren Publikationen wie „Liken. Teilen. Hetzen. Neonazi-Kampagnen in Sozialen Netzwerken“ oder „Viraler Hass: Rechtsextreme Kommunikationsstrategien im Web 2.0“.

Das neue Projekt „HOAXmap“ von @noaveragerobot geht einen Schritt weiter und nimmt ab sofort solche Falschmeldungen tagesaktuell auseinander und widerlegt sie anhand von Zeitungsberichten:

Die Hoaxmap ist aus dem Wunsch entstanden, eine Ordnung in die Vielzahl gestreuter Gerüchte zu bringen und die Dekonstruktion selbiger zu erleichtern.

Veganes Kucheneis

Ben & Jerrys schreibt sich gerne Bio, Nachhaltigkeit und familiäre Fairness auf die Fahnen, auf vegane Sorten haben wir allerdings lange gewartet. Hier sind sie nun!Download
Die 4 neuen Töpfe versprechen kuhfreie Kuchenteigstücke, Nüsse und Cookies mit Mandelmilch-Eis, die hoffentlich bald auch in deutschen Supermarktregalen stehen.

Anleitung zum Nicht-Verzweifeln

Prominente Feministinnen und Künstlerinnen wie die Autorin und Trans-Aktivistin Janet Mock, die Fotografin Myla Dalbesio oder die Musikerin Amanda Palmer starten mit „The Provocateur“ ein crossmediales Projekt für junge Frauen.

Wöchentlich sollen handgeschriebene Briefe veröffentlicht werden, die jungen Frauen Ratschläge und Lebenshilfe anbieten. Die Einnahmen aus dem Projekt werden gespendet.

„Releasing weekly hand scrawled letters from some of culture’s most inspirational names, the site hopes to offer up pillars of advice and mentorship to teen girls as well as providing a peek into the lives of some of the world’s most current, creative women.“ Quelle: Dazed

 

Bullshit Blogging

Twitter macht momentan nicht mehr besonders viel Spaß. Die Timeline verwaist jeden Tag ein Stückchen mehr. Und tatsächlich sinkt die Zahl der täglichen verfassten Tweets kontinuierlich, auch wenn Twitter selbst die Korrektheit der Daten dementiert.

Auch Tumblr nervt irgendwie spätestens dann, wenn du zum 80sten Mal dieses Bild von Ryan Gosling oder die ewig gleichen, öden, lebensbejahenden Sonnenuntergangs-Fotos auf dem Dashboard hattest. Generation YouTube und Snapchat könnte meine Tochter sein, daher mache ich, was ich schon kann; kurze Infos ins Netz pusten.

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob Bullshit Blogging für mich funktioniert, aber ich möchte es auf jeden Fall eine Weile ausprobieren. Mal gucken, in welche Richtung das dann geht. Statt Longreads alle 6 Monate gibt es hier also demnächst schnell Geteiltes. Schlimmer als Buzzfeed wird es schon nicht werden.

Flüchtlingskrise 2015 – Ich war dabei

Johlende, klatschende Menschen stehen in Hamburg Spalier, als der „Train of Hope“ ankommt, live auf  Periscope mitgeschnitten. Eine BBC-Reporterin in München ruft den Flüchtenden „Welcome to Germany! How do you feel?“ zu, als kämen sie von einer Mars-Mission und nicht aus Krieg und zuletzt Verwahrung, als seien sie nicht auf einer sehr langen, anstrengenden und andauernden Flucht auf dem Weg zu: Mehr Verwahrung, Zwangsverteilungen oder Abschiebung.

„Am Hauptbahnhof in München, Gleis 26-36, wo eigentlich die Regionalzüge eintrudeln, warten etwa 150 Menschen hinter Absperrgittern. Sie stehen da wie Fans, die einen Popstar oder einen Fußballclub herbeisehnen.“  „Freude schöner Götterfunken“, taz 

Ähnliche Szenen finden auch in Frankfurt statt, von einer „epischen Reise“ ist die Rede.

Die Flüchtenden werden mit frenetischem Jubel und Wohlstandsmüll überschüttet, bekommen Pappteller mit Bonbons entgegen gestreckt, Decken und Pullis übergeworfen, als kämen sie aus dem Boxring, obendrauf gepackt werden acht Plüschtiere, persönlich übergeben von deutschen Kleinkindern, die hier noch etwas lernen können. Vielleicht, dass die paar Hundert, die zufällig die „Tage des offenen Korridors“ erwischt haben und nicht schon im Krieg, im Mittelmeer oder in LKWs gestorben sind, jetzt von guten Deutschen befreit und gerettet wurden? Schon wird danach gerufen, „Syrien zu bombadieren“, im Rahmen der „Fluchtursachenbekämpfung“ und im Namen von Aylan Kurdi.

Flucht und die Flüchtenden werden romantisiert, eventisiert, instrumentalisiert, fotografiert und monetarisiert. Objekte, an denen die eigene Größe oder „soziale Ader“ bewiesen werden kann. Über all das gemeinschaftliche Gemenschel und das patriotische Spätsommermärchen wird gern ignoriert, dass jedes Festivals oder Fußballspiel einen größeren logistischen Aufwand erfordert, als einige tausend Menschen institutionell und angemessen zu versorgen.

Lächle, als hätte niemand dein Haus in die Luft gejagt

 

„Ein Lächeln ist Dank genug!“ informieren die engagierten Helfenden so ungefragt wie bereitwillig über ihre Motive. Lächle, als hätte niemand dein Haus in die Luft gejagt und deine Mutter getötet. Als gäbe es keinen ISIS, keinen Assad, keine militärisch bewachten Grenzzäune, keine Festung Europa, kein Frontex, kein Massengrab im Mittelmeer,  keine überfüllten Lager und Camps, keine Genitaluntersuchungen an Minderjährigen, keine rechten Anschläge und gezielte Re-Traumatisierungen, keine besorgten Bürger, kein Kaltland, kein „Dunkeldeutschland“, keinen Rassismus, keine Ausbeutung und Armut, keine Waffenlieferungen, kein kapitalistisches oder staatliches Kalkül, keine Mitverantwortung.

Das Bild von unkontrollierten, bedürftigen Massen und einer gigantischen Herausforderung, die jedoch gemeinsam als „starke Zivilgesellschaft gestemmt“ werden kann, manifestiert sich in einer bizarren Euphorie und „Hoffnung“, die beschworen wird, denn, so zeigt sich aktuell ja „Wir (Deutschen) sind doch gar nicht so.“, oder auch: „Es gibt sie noch, die Guten.“.

 Es lebt diese Hilfe bei allem Mitleid von der Gleichgültigkeit gegenüber diesem Status. Sie rechnet es sich hoch an, im Flüchtling auch den Menschen zu sehen und affirmiert damit den Zustand seiner institutionalisierten Hilfsbedürftigkeit“- „Politiker fordern eine „Willkommenskultur“ für Menschen, die sie massenhaft abschieben wollen. Wie das?“ – GegenRede, Freerk Huisken

Auch bleibt die langjährige Arbeit von antifaschistischen Aktivist_innen, (ehemaligen) Refugees, Non Citizen, People of Color unerwähnt und ungezeigt. Dabei sind es jene, die beispielsweise in Düsseldorf oder Heidenau Nazis in ihre Schranken verweisen und tragfähige Strukturen schaffen, die auch in den nächsten Monaten und Jahren noch nichtstaatliche Unterstützung und Schutz für Refugees gewährleisten, wenn es kalt in Deutschland wird und niemand mehr Luftballons aufbläst und klatscht.