Hartz Fear

Zahlreiche Berichte über das Leben, welches keines mehr ist, dank Hartz4, gibt es schon, hier noch ein total Subjektiver:

Es war einmal

Im Sommer 2010 schloss ich meine Berufsausbildung “erfolgreich” ab. Diese war zu großen Teilen nach einer mehrjährigen Odyssee mit Praktika, Minijobs und einem FSJ Kultur aus Vernunftsgründen von mir begonnen worden. Ein erheblicher Kraftaufwand war nötig, um bis zum Ende durchzuhalten. Ich bin ein Auf-der-Strecke-Bleiber, Non-Konformist, nie gerade gegangen, aber meistens mit geradem Rücken. Bis dahin. Ich lernte, dass man dickes Fell braucht und dass absolut jeder im “Business” dir in den Arsch treten kann und dies tut, sofern den eigenen Zielen förderlich. Ich checkte, dass es Leute gibt, die dich tatsächlich biegen und brechen wollen. Auf Biegen und Brechen. Es war nur logisch, dass ich nicht übernommen werden würde, zuviele Konflikte während der Ausbildung, zu stark meine Persönlichkeit, zu dreckig die Branche.

Der reguläre Weg

Recht entspannt begann ich also Bewerbungen zu schreiben. Zuversichtlich und motiviert optimierte ich auf dem gängigen Wege Lebenslauf und Unterlagen, ließ mir eine Bewerbungswebsite bauen, produzierte Visitenkarten-ähnliche Flyer. Und bewarb mich.

Und meldete mich. Bei der Bundesagentur für Arbeit und bei der ARGE. Mein Ausbildungsgehalt war zu niedrig, um von dem prozentualen Anteil, welches mir als Arbeitslosengeld I zusteht, leben zu können. Hartz 4 bekomme ich also als Aufstockung. Das sind im Monat 351 Euro zzgl. Miete.

In einer Berufsberatungsstelle (individu:elle), sowie bei der Bundesagentur für Arbeit und der ARGE wurden meine Vorbereitungen als vielversprechend bewertet, ich machte mir keine Sorgen, ging auf den “richtigen” Wegen. Bis zu diesem Tag habe ich circa 80 Bewerbungen verschickt, viele davon initiativ, also ungefragt, habe sämtliche Bekannte und Freunde angeschrieben, Twitter und andere “Social Networks” genutzt. Eine Arbeitsstelle habe ich nicht.

Selbstverständnis und Orientierung

Dass ich in der freien Wirtschaft nicht glücklich werden würde, war mir immer klar. Dass ich mich eventuell irgendwie anpassen könnte, dachte ich bis zu Beginn meiner Ausbildung. Schnell war klar: Könnte ich, will ich nicht, mach ich nicht. Ich hätte einen kindlichen Idealismus, eine zu schwierige Persönlichkeit, sei “unhandlich”, solche Sätze hörte und höre ich oft.

Kleidungs- und Sprachstil, Lebenseinstellung und Verhaltensweisen gilt es zu verändern, anzupassen, zu normen.

Ich machte mir die Mühe, darüber nachzudenken. Und kam zu dem einzig richtigen Schluss: So will ich mich auch definieren. So will ich sein – unhandlich. Ich eigne mich nicht als Arbeitsmarionette, als Lohn-Sklavin, als Untergebene. Doch wohin, mit einem Menschen, der nicht ist, wie er sein soll, in diesem vom kapitalistischem Lobbyismus regierten Land?

Weg von der “Business-Welt”.

Kulturell/Sozialer Bereich, da wo die “Ausgeflippten” am Rande und mit einem beschissenen Einkommen, sich von Jahresvertrag zu Jahresvertrag hangelnd, geduldet werden.

Obgleich persönlich und in Teilen auch fachlich qualifiziert ist es schier unmöglich, in einem solchen Bereich ohne Studium angestellt zu werden. Dipl. Sozialpädagogik, Soziale Arbeit oder ein verwandter Studiengang muss es schon sein. Ausgebildet im Bereich Projektmanagement und versehen mit kaufmännischem Grundlagenwissen und mehreren Jahren Erfahrung in der Arbeit mit Kindern dachte ich zunächst naiv, ich käme da schon irgendwie rein. Kam ich nicht, komme ich nicht.

Ich habe überlegt, in eine Kommune zu gehen, ins Ausland, einen Bauwagen zu kaufen, auszusteigen. Aber dazu bin ich zu feige und zu kritisch.

Wie die Tage jetzt sind

Ohne Stabilität und Strukturen befindet man sich schnell, sehr schnell im freien Fall. Drogen, um die aufkommenden Ängste zu unterdrücken, fördern Depressionen, Depressionen fördern Ängste. Alles in allem stellt sich ein schwer erträgliches Phlegma ein. Ein manchmal viel zu rasantes Leben wird komplett ausgebremst, einfach die “Pause”-Taste gedrückt.

Es fällt mir jeden Tag schwerer, einfachste Dinge zu verrichten, einen Alltag aufrecht zu erhalten, vor die Tür zu gehen. Menschen zu treffen wird schwieriger. Ob in der großen Öffentlichkeit (Soziophobie) oder im kleinen Kreis. Hartz4 ist ein Stigma.

Hartz4 ist, in welchen sozialen und kulturellen Schichten auch immer, verpönt. Es gibt viele Menschen, die sagen “Hey, macht nichts, ist doch okay”, aber ihr Blick verändert sich. Mir ist nie aufgefallen, wie oft ich eigentlich gefragt werde, was ich “so mache”. Jetzt fällt es auf, denn vom lächelend “hartzen!” rufen ist mir schlecht. Das Ewige “Wird schon alles” klingt wie blanker Hohn, ich nehme mich selbst diesbezüglich nicht mehr ernst.

Dass ich für die Gesamtheit, die Gesellschaft nichts beitrage ist mir bewusst, ist jedem bewusst. Ihr bezahlt mich mit euren Steuern.

Und ich? Weiß nicht mal ob ich arbeiten will, soll, kann.

Ein soziales Leben ist finanziell kaum aufrecht zu erhalten. Die Kollegen, mit denen man früher schnell auf einen Kaffee gegangen ist, haben einen längst vergessen, die Freunde besuchen teure Kneipen, man fängt an zu meiden. Man sollte sich schließlich was schämen, derart an der Brust unseres wunderbares Sozialstaates zu hängen! Und tatsächlich: Ich empfinde Scham.

Ich sage Sätze wie “Mehr als mich bewerben kann ich ja nicht.”. Aber ich meine sie nicht.

Völlig orientierungslos bezügliches meines Selbst, meiner Aufgabe und meinem Platz in dieser oft schrecklichen aber eigentlich doch sehr schönen Welt vegetiere ich also. Mit heftigeren und leichteren Depression, mit Motivationsschüben und Momenten des Mutes und vielen Momenten der Hoffnungslosigkeit. “Abfallprodukt der Gesellschaft”, der Maschine beschreibt die Fremd- und (ein Stück weit) auch die Selbstwahrnehmung gut.

Ich befinde mich in einem Strudel nach unten und meine einzige Möglichkeit, ihm zu entkommen ist das Verkaufen meiner Seele.

Vom Umgang mit dem Amt

Die gesellschafliche Entwertung und Entmenschlichung zeigt sich vor allem im Umgang mit der Arbeitsagentur und der ARGE.

Bombadiert mit Schriftstücken, Ermahnungen, Anrufen, Forderungen, Formularen, Broschüren verliert man selbst als halbwegs strukturierter, gebildeter Mensch den Kopf, den Mut, das Selbstvertrauen.

Ständige Repression, falsche Unterstellungen, Ärger, unsinnige Termine sind an der Tagesordnung. Mehrmals im Monat Änderungsbescheide und ein wachsendes Gefühl der Ohnmacht . Eine Sysiphus-Ameise, die dafür kämpft, in Ruhe arbeitslos sein zu dürfen. Nichts ist mehr sicher, nichts ist mehr verlässlich. Existenzangst, Versagensangst, Aufstehangst.

Wohin das führen soll

Ich schrieb weiter oben, dass ich nicht weiß, ob ich arbeiten kann/will/soll. Das liegt zum einen daran, dass ich tatsächlich beginne an meiner psychischen Gesundheit zu zweifeln. Ein weiterer Punkt ist aber die Frage nach dem “Wie”.

Ich kann leisten und ich kann Herzblut einbringen.

Aber ich bin nicht flexibel, belastbar, teamfähig, kommunikativ, verkaufsstark, eigenverantwortlich, ortsungebunden, durchsetzungsstark, mehrjährig erfahren, hochmotiviert, leistungsbereit, engagiert, souverän, effizient, zielgerichtet, analytisch, vielfach interessiert, kreativ, innovativ und habe Kenntnisse von 1.000 Software-Programmen und drei Betriebssystemen und 20 Sprachen.

Ich versuche einfach nur, aufrichtig, wach und gut zu sein. Ich will die Welt ein winziges Stück mitgestalten. Ich will, dass es den Menschen in meinem Umfeld gut geht. Ich will Zeit für mich haben. Ich will eine feste Aufgabe haben und gebraucht werden. Ich will Lebendigkeit ausstrahlen und andere bereichern. Ich will mich entwickeln und nie bitter und vergrämt werden. Ich will die wirtschaftliche Revolution. Ich will erkannt und geschätzt werden. Ich will ein Leben, das des Begriffes wert ist.

Ich will arbeiten, doch ich passe nirgends hin. Ich habe Angst vor der Welt und ich habe Angst vor der Zukunft. Ich bin 23 Jahre alt und ich bin fertig mit dem System.

6 thoughts on Hartz Fear

  1. Sich für Hartz IV zu schämen ist einfach nur falsch! Jeder der dieses komplett menschenverachtende Hartz IV Regime überlebt ohne komplett kaputt zu gehen kann darauf sehr stolz sein.
    Es gibt immer mehrere Wege mit der Situation umzugehen. Kopf in den Sand und in Depressionen versinken ist eine davon aber nicht meine.
    Steh auf, freu Dich dass Du die Scheiße bis jetzt überlebt hast und bekämpfe sie. Du brauchst einen langen Atem aber Du / Wir können es schaffen dieses System in die Knie zu zwingen. Untergang – nur mit wehenden Fahnen!

    Ich wünsche Dir die notwendige Kraft und Ausdauer.

    Wenn Du wieder ins Jobcenter musst, dann nimm dir einen Mitläufer als Beistand mit (Das ist Dein Recht)

    Sebi

    P.S.
    Ich habe eben erst entdeckt dass der Artikel schon ziemlich alt ist. Vielleicht hast Du’s ja mittlerweile gepackt. Ich lasse es aber trotzdem stehen um anderen Betroffenen Mut zum Aufstand zu machen.

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  2. Würde dem Artikel gerne ein Sternchen geben, geht leider nicht. Kann dich sehr gut verstehen, auch wenn dir das nicht weiterhilft, wollte ich es mal hier hinschreiben.
    Hoffentlich hat sich inzwischen irgendwas zum Guten verändert!

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  3. Menschenverachtend ist, dass ich einen Haufen Scheißsteuern zahlen muss, dafür richtig hart schufte.
    Sozialsystem auf Null stellen, fertig.

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  4. Du schriebst oben:
    „Ich will, dass es den Menschen in meinem Umfeld gut geht. Ich will eine feste Aufgabe haben und gebraucht werden“

    Wenn du für Menschen da sein willst und was zurückgeben willst, wie wäre es dann mit einer Umschulung zur Altenpflegerin? Examiniert (Dauer 3 Jahre) oder Als Helferin (Dauer 1 Jahr). Das wird vom Arbeitsamt gefördert und du hast hinterher die Garantie Arbeit zu haben denn dies ist wohl eine der wenigen Branchen die in Zukunft boomen werden. Das ist kein Job der dich reich macht und viel Zeit für dich oder Freunde hast du auch nicht, im Gegenteil, du arbeitest selbstlos, oftmals unter Druck, wirst oft um deine Arbeitszeiten geprellt und machst dich kaputt, körperlich und oft auch psychisch. Und das für einen vergleichweisen Hungerlohn. Ich hätte auch nie gedacht dass ich dort mal lande, aber ich bin diesen Schritt gegangen zum einen a) weil ich ebenfalls ein sehr sozialer Mensch bin (Eigenlob stinkt) und gerne mit Menschen arbeite und b) weil es eine letzte chance war und eine Branche mit Jobgarantie in den nächsten Jahren ist. Ich bin 27 und ich hab auch einen Leidensweg mit Arbeitslosigkeit, Maßnahmen, Bewerbungstraining etc. hinter mir. Wenn du also für ein bißchen Würde, Stolz eine eine Beinah-100 %-Jobgarantie und die Dankbarkeit der Bewohner ein Leben voller Früh-spät und Nachtschichten, Rückenschmerzen, Fäkalien und Anstrengender Körperlicher Arbeit tauschen willst, dann tu es! Du wirst mit deiner Arbeit ein kleines-großes Stück Welt verändern können, nämlich die Welt der Leute für und mit denen du arbeitest.

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  5. Hallo. Vielen Dank für deinen Text. Es ist gut, sich den Frust und die Scheiße von der Seele zu schreiben. Nichts ist schlimmer, als alles in sich zu fressen und sich immer vorzugauckeln, dass „alles ja nicht so schlimm sei und andere in Afrika haben ja nichts zu fressen…“. Ich finde es schon mal sehr positiv, dass du erkannt hast, dass du alleine vielleicht gar nicht so das Problem bist, sondern „das Ganze“ (ich nenne es jetzt nicht „das System“, weil es immer so abstrakt klingt) irgendwie falsch läuft. Der Gedanke ist richtig und lass dir nichts anderes einreden. Die Strukturen sind so, dass es ein einzelner, normal begabter, mit einem gewissen gesunden Mißtrauen ausgestatteter Mensch ohne reichen Papi im Hintergrund es sehr schwer hat. In diesen Strukturen wird der Mensch als Maschine gesehen, die effizient und möglichst mit wenigen Verlusten einzusetzen ist. ES IST SO! und alles andere ist Propaganda. Es ist aber wichtig, dies einzusehen, denn sonst wird man nie glücklich, da man sonst immer glaubt, sich dauernd „optimieren“ zu müssen. Ich hab das alles auch irgendwann einsehen müssen. Nachdem ich auch meine Erfahrungen mit ARGE, Jobsuche, Arbeiten im Generellen und den Leistungsgedanken im Speziellen gemacht habe. Ich fühle mich aber jetzt etwas befreiter, denn ich weiß, dass ich nicht der Loser vom Dienst bin und man in diesem Klima sehr einfach wieder „abrutschen“ kann. Du musst dir nur die Landwirtschaft angucken. Eine Gesellschaft, die so mit ihren Tieren umgeht, die die Natur so ausbeutet und die Tiere als Produktfaktoren optimiert und ohne Würde leben lässt, wird mit ihren Mitmenschen nicht anders umgehen. Es ist wichtig das alles einzusehen und dann für sich die Konsequenzen zu ziehen. Es liegt nicht an dir und auch nicht an der Kuh, die zu wenig Milch gibt und deswegen geschlachtet wird. Es liegt an den ausbeuterischen Strukturen. Diese muss man ändern. Das geht nur gemeinsam. Lass dich nicht isolieren und sprich mit den Menschen über die konkreten Systemzwänge. Es muss bei ihnen ankommen, dass sie da genauso in der Scheiße sitzen, wie du selbst. Erst wenn das alle einsehen, wird sich was ändern können. Alles liebe für Dich, Monika

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