We have feelings – deal with it

Gastbeitrag auf http://stephanurbach.de/2012/01/we-have-feelings-deal-with-it/

English Version: http://stephanurbach.de/2012/01/we-have-feelings-deal-with-it-english/

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Dieser Post ist inspiriert vom “Geeks and Depression” Talk, der auf dem 28. Chaos Communication Congress bei vielen von uns offene Türen einrannte. Er ist für jene gedacht, die betroffen sind, aber bislang nur schwiegen. Er ist für jene gedacht, die die Zeichen sehen, aber denen Werkzeuge für den Umgang mit ausgeprägten eigenen und fremden Gefühlen fehlen. Dieser Blogpost kann nur wenige der vielen Aspekte beleuchten, der im gesamten Themenkomplex “Geeks and Depression” auftaucht. Er will ein Anfang sein – öffnen wir uns für unsere Mitmenschen. Wir sind keine Roboter, wir sind fühlende und denkende Geeks! Einige Passagen können triggern.

“Anders”, aber vor allem: Sein

Wir sind besondere Menschen. Wir haben besondere Fähigkeiten. Wir schauen anders hin. Wir schauen nirgends hin. Wir schauen nach innen, nach außen. Wir hören nicht zu. Wir hören ständig nur zu. Wir sind intelligent. Wir sind völlig unbedarft.
Die meisten von uns bekamen irgendwann in ihrem Leben spezielle Stempel aufgedrückt, wurden in Schubladen verfrachtet, an den Rand gestellt oder haben nie eine gesellschaftliche Mitte gesehen. Unwilligkeit oder schiere Unfähigkeit? Fremdbestimmung? Es ist, wie es ist. Wir sind anders. Einige von uns haben schreckliche Dinge erlebt, wurden genötigt, physisch und/oder psychisch vergewaltigt, ausgegrenzt, missachtet, ignoriert, geschlagen, gemobbt. Wir haben steinige Geröllhalden erklommen, sind ins Licht gelaufen, haben uns befreit, sind gescheitert. Wir tragen das Paket unserer Erfahrungen im gleichzeitigen Wissen, dass dieses Paket uns weiterhin ausgrenzen wird, denn es unterscheidet uns von der Happy-Plastik-Norm. Wir sind unser Paket, und wir können es nicht leugnen, es nicht einfach weg-aufarbeiten, zerreden.

Sometimes it just hurts

Manchmal, vielleicht sogar oft, wird das Paket zu groß. Schmerz bestimmt über uns und unser Handeln. Das ist okay, denn Schmerz braucht Raum, Erfahrungen Verarbeitung. Unser Leben, unsere Gesellschaft gibt uns keinen Raum, keine Chance zur Verarbeitung, denn wir sollen und müssen funktional sein. Wir lernen früh, nicht zu weinen, wenn wir uns das Knie aufschlagen, die Fresse zu halten, wenn eine/r etwas sagt, das uns verletzt, denn das macht uns angreifbar und noch schwächer. Gerade von Menschen mit technischem Background wird rationales Handeln erwartet – “Nerds sind doch eh sozialinkompetent”. Tatsächlich haben viele von uns noch keinen Umgang mit den eigenen Gefühlen gefunden, der konstruktiv ist und auch so nach außen hallt.
Folge der mangelhaften Bewältigungsmöglichkeiten ist häufig Introversion oder andere Schutzmechanismen. In der Hackerszene begegnen uns viele Menschen mit Depressionen, populäre Suizide von Szenegrößen geistern immer wieder durch die Medien. Dass es einen Zusammenhang zwischen überproportionaler Intelligenz und Depression (und damit Suizidalität) gibt, ist wissenschaftlich unbewiesen, Hacker keine “klinische Gruppe”.
Selbstzerstörerisches Verhalten im Kontext Intelligenz ist dagegen durch Studien belegt. “Intelligente Menschen sind anfälliger für Drogenkonsum” titelte der Spiegel im November. In dem Artikel wird spekuliert, dass Menschen mit hohem IQ Stimulation suchen, der Drang, Neues auszuprobieren sei größer. Tatsächlich ist für viele von uns ein klares Bewusstsein Tortur. Oft finden wir nüchtern keinen Schlaf oder Ruhe, sind getrieben von Gefühlen, mit denen wir nicht handeln können, Gedanken, denen wir nicht ausweichen können, Bildern, die uns beobachten. Andere suchen ihr Heil, ihre Ruhe, ihr Sein-Dürfen in Exzess, Aggression oder der Isolation. Gefühle werden als biochemische Prozesse abgetan, denen nicht zugehört und Rechnung getragen werden muss. Gefühle stören. Gefühle bedrohen uns. Gefühle machen dysfunktional, werten also unseren gesellschaftlichen Status ab. Gefühle sind beängstigend und wir sind immer zuerst ganz alleine mit ihnen. Unser Verstand schießt scharf, wir sehnen nach Weichzeichnern oder Extremen.

Ewww, Emo – Sein lassen

Einige von uns haben gelernt, Problemlösungsansätze für den Umgang mit negativen Gefühlen zu finden. Strategisch kann das Bloggen über Erlebtes und Gefühltes helfen, andere twittern sich die Seele aus dem Leib. Gefühle in Worte zu packen kann sie übersichtlicher, harmloser, greifbarer und weniger beängstigend machen. Das Teilen mit der Öffentlichkeit kann helfen, macht uns aber gleichzeitg (weiter) angreifbar.
So belassen wir meist unser Gefühlsleben Innen, aus Scham oder Angst vor unachtsamen und leichtfertigen Reaktionen, die Potential haben, unsere Wunden zu pökeln. Offengelegte Emotionen sind gesellschaftlich nicht akzeptiert (vgl. Funktionalität), im Gegenteil.
Die Emo-Subkultur, die offen und selbstverständlich mit Gefühlen umgeht, sieht sich gesellschaftlichen Stigmata ausgesetzt. Offengelegte Emotionen sind Störfaktor. Dazu kommt mitunter eine falsch verstandene Interpretation von Stolz, Ehre und auch Männlichkeit. Sichtbare Schwäche als Image- oder Gesichtsverlust. Kommunikative Anknüpfpunkte, die inneren Konflikte nach außen zu tragen, sind schwer auszumachen. Man möchte nicht belästigen, findet keine Worte, sieht keine offenen Gesichter, ist schlicht allein. So stauen sich Gefühle auf, werden immer übermächtiger und kurz vor der Explosion, kurz bevor der innere Druck zu viel wird, schreien wir heraus, was in uns vorgeht.

Das ist ein Weg, den wir gehen dürfen sollten. Wir sollten dafür respektiert und geschätzt werden. Es ist mutig, dies öffentlich zu tun. Es ist richtig, dies öffentlich zu tun.
Für den Leser ist nicht immer der passende Zeitpunkt, sich emotional auf Gelesenes einzulassen. Manchmal nervt der hundertste Suizid-Andeutungs-Tweet unfassbar. Der zwanzigste Blogpost über eine verwehte Liebe langweilt nur. Ein “Mir gehts mies” über XMPP wird mit “Oh noes, schon wieder?” quittiert. Wir sind Menschen. Wir bewegen uns nicht synchronisiert. Fremde Gefühle müssen aus Selbstschutz manchmal ignoriert werden.
Aber es gibt niemals einen Grund oder eine Rechtfertigung für Achtlosigkeit und Häme.
“Oaarrr, schon wieder scheiß Emogelaber” vs. “Ich bin für dich da” – dazwischen liegt viel. Stille Anerkennung fremder Gefühle zum Beispiel. Wenn wir den anderen schwach sein lassen, macht uns das stärker. Wenn wir den anderen schwach sein lassen, erlaubt uns das eigene Schwäche. In einer idealisierten Gesellschaft würden wir uns gegenseitig helfen, unsere Pakete zu tragen. In unserer Gesellschaft sollte wenigstens freundliche Ignoranz im Wissen um die eigenen und fremden Pakete möglich sein.

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