Sexuelle Selbstbestimmung

Bei http://frauenkampftagnbg.blogsport.de/material/ habe ich neben anderem spannenden Grundlagen-Material ein paar Illustrationen gefunden, die im Rahmen einer Ausstellung der radikalen linken Nürnberg (rl) Grundbegriffe in Hinblick auf sexuelle Selbstbestimmung vermitteln.

Die Illustrationen sind zwar nett aufbereitet, aber schwer lesbar, deshalb hier der Inhalt der Plakate im Klartext, per Klick auf die Überschriften kommt ihr zur Originalillustration. [Triggerwarnung; sexualisierte Gewalt]

 

 

Sexuelle Selbstbestimmung

Sexuelle Selbstbestimmung bedeutet, dass eine Person selbst darüber bestimmen kann, wie sie ihre Sexualität lebt. Wann, mit wem und ob sie Sex haben will. In welcher Form und was sie beim Sex macht. Wir oft und mit welchem Partner / welcher Partnerin. Mit wechselnden PartnerInnen oder immer mit der selben Person. Ob mit einem Mann, einer Frau oder einfach mit sich selbst. Bei Sex mit einem Partner / einer Partnerin muss natürlich immer die sexuelle Selbstbestimmung von beiden (bzw. wenn es mehr Leute sind, allen beteiligten) Personen gewahrt werden. Sexuelle Selbstbestimmung sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Aber wie frei ist unsere sexuelle Selbstbestimmung überhaupt in einer Welt, in der wir täglich von Bildern und Vorstellungen von Sex konfrontiert sind, die rein gar nichts mit der Realität und noch viel weniger mit einem respektvollen Umgang miteinander zu tun haben?

Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung

Die sexuelle Selbstbestimmung v.a. von Frauen und Mädchen, aber auch von Jungen, wird in unserer Gesellschaft sehr häufig verletzt. Manche Formen der Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung werden von der Gesellschaft eindeutig als Gewalt und Verbrechen eingestuft: Vergewaltigung durch Fremdtäter, Zwangsehe, Genitalverstümmelung und sexueller Kindesmissbrauch. Im konkreten Fall wird jedoch häufig die Glaubhaftigkeit der betroffenen Person angezweifelt oder eine Mitschuld der Betroffenen konstruiert – vielleicht weil sie einen kurzen Rock trug, gelächelt haben soll, oder aus ähnlich absurden Gründen. In den wenigsten Fällen entscheiden sich Betroffene dazu, den Täter anzuzeigen. Gerichtsprozesse zu sexualisierter Gewalt können für die Betroffenen extrem belastend und retraumatisierend sein. Die Verurteilungsquote in den Prozessen liegt bei nur 13%.

Sexualisierte Gewalt wird an den gesellschaftlichen Rand projiziert, auf verrückte psychopathische Triebtäter oder „ausländische“ Männer, die angeblich besonders gewalttätig seien. Tätern geht es jedoch nicht um die Auslebung ihrer sexuellen „Triebe’~ sondern sie benutzen Sexualität als ein Machtmittel. Tatsächlich ist sexuelle Gewalt ein Resultat einer patriarchalen Gesellschaft und sie findet in der Mitte dieser Gesellschaft statt: Jedes 3.- bis 4. Mädchen und jeder 9. bis 12. Junge hat sexualisierte Gewalt erlebt. 40% aller Frauen in Deutschland haben körperliche oder sexualisierte Gewalt oder beides erlebt. In ca. 90% der Fälle sind die Täter, die sexualisierte Gewalt ausüben, Bekannte, Freunde oder Familienangehörige. Die Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung von Frauen wird häufig verharmlost, v.a. wenn die sexuelle Gewalt in der Familie, im Freundeskreis oder in einer Liebesbeziehung stattfindet.

Die Ausstellung

In unserer Ausstellung gehen wir besonders auf sexuelle Selbstbestimmung im Zusammenhang von Liebesbeziehungen, Affären, Freundschaften usw. ein. Wir möchten zeigen, an welchen Punkten die sexuelle Selbstbestimmung, insbesondere von Frauen, häufig verletzt wird und welche Strukturen und Verhaltensweisen dazu beitragen. Das ist uns besonders wichtig, weil Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung gerade, wenn sie in Liebesbeziehungen oder im Freundeskreis stattfinden, oft verharmlost, herunter gespielt oder gar nicht als solche erkannt werden. Die Ausstellung ist ein Aufruf sich mit der Frage der sexuellen Selbstbestimmung auseinander zu setzen, sich zu reflektieren und konsequent Strukturen und Verhaltensweisen abzuschaffen, die zur Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung führen können.

 

Patriarchale Gesellschaft

Warum sind überwiegend Frauen und Mädchen von sexualisierter Gewalt betroffen? Und warum gibt es diese Gewalt überhaupt? Können Männer ihre Triebe nicht kontrollieren? Oder liegt es daran, dass Männer körperlich einfach stärker sind als Frauen?

Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft. Diese Gesellschaftsform hat sich im Laufe der Geschichte entwickelt. Schon ab der Geburt eines Babys wird ein Mensch in Mädchen oder Junge eingeteilt. Eine geschlechtsspezifische Sozialisation beginnt, die bestimmt, wie das Kind dann in Bezug auf Geschlechterrollen und auf Sexualität erzogen und behandelt wird. Wir wachsen umgeben von Rollenerwartungen und zweifelhaften Vorbildern auf: Die meisten Menschen in Westeuropa wachsen in patriarchalen Kleinfamilien auf. Traditionell waren die Rollen in patriarchalen Kleinfamilien: Vater = Ernährer, Mutter = Hausfrau und Mutter, die evtl. durch eine Nebentätigkeit etwas dazuverdient und ein bis vier Kinder. Heute sind in den hochindustrialisierten Ländern auch andere Formen der Kleinfamilien verbreitet: z.B. Patchworkfamilien, Alleinerziehende Mütter oder Doppelverdiener, die Hausarbeit und Kindererziehung dann an schlechter bezahlte Angestellte abgeben.

In der Regel greifen patriarchale Rollenmuster in den neuen Varianten der Kleinfamilie genauso wie im traditionelleren Vorläufermodell. Wir sind von frühster Kindheit an mit diesen Ausprägungen des Patriarchats konfrontiert. Wir sehen im Fernsehen und in Zeitungen Frauen und Männer in bestimmten Rollen. Wer sich am Schulhof nicht geschlechtskonform verhält, wird fertig gemacht. So werden Kinder zu Männern oder zu Frauen gemacht.

Männern werden gesellschaftlich die Eigenschaften Erfolg, Rationalität, Stärke und Macht zugeordnet und sie müssen diese Eigenschaften anstreben, wenn sie anerkannt werden wollen. Frauen werden in der Regel emotional, schön und schwach dargestellt. Natürlich gibt es auch das Bild der starken Frau in den Medien, schön und sexy muss sie aber trotzdem unbedingt sein. Das Patriarchat ist damit noch lange nicht abgeschafft. Die unterschiedlichen Rollenerwartungen an Männer und Frauen bzw. Mädchen und Jungen, sind aufeinander bezogen , und führen zu einer Unterordnung von Frauen und Mädchen. In einer patriarchalen Gesellschaft stellt es an sich schon einen Machtfaktor dar, ein Mann zu sein. Dazu kommt, dass Erwachsene grundsätzlich in einer Machtposition gegenüber Kindern sind. Ein Mann hat in einer patriarchalen Gesellschaft grundsätzlich erst , mal die Möglichkeit, Frauen und Kinder zu unterdrücken, aber auch eine Frau kann Kinder unterdrücken.

Das patriarchale Verhältnis ist nicht absolut. D.h. nicht jede Frau ist in jeder Situation jedem Mann untergeordnet. Die Ausprägung des Patriarchats hat sich über die Jahrhunderte immer wieder verändert und ist örtlich unterschiedlich, abhängig von religiösen Vorstellungen, Produktionsweise und Lebensbedingungen. Auch die eigene Position innerhalb einer rassistischen Gesellschaft und die Zugehörigkeit zu einer Klasse, sowie ganz individuelle Faktoren haben eine starke Auswirkung darauf, mit welcher Art von Patriarchat eine Person konfrontiert ist: Also z.B. ist ein Mädchen aus der Arbeiterklasse in Bangkok mit einer andern Art Patriarchat konfrontiert, als eine schwarze deutsche leitende Angestellte in Rüsselsheim oder eine alte Frau aus der Oberschicht in Norwegen. Gesellschaftlich sind verschiedene Machtstrukturen wirksam:

Zentrale Machtstrukturen sind das kapitalistische Ausbeutungsverhältnis, rassistische und imperialistische Unterdrückung und das Patriarchat. Wie eine Person mit der überlegenen oder unterlegenen Position, die ihm oder ihr gesellschaftlich zugeschrieben wird, umgeht, ist wichtig. Natürlich muss unser Anspruch als Linke sein, aus diesen zugeschriebenen Rollen auszubrechen und patriarchale Verhältnisse nicht zu reproduzieren. Trotzdem hat z.B. auch ein Mann, der kein Patriarch sein will, in der Gesellschaft patriarchale Privilegien.

 

Macht / Eheliche Pflichten

Damit es zu unterdrückender Gewalt kommt, muss es als Voraussetzung immer einen Machtunterschied geben. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen, Mädchen und Jungen, kann nur in einer Situation stattfinden, in der die Täter Macht über die Betroffenen haben und ihnen deshalb etwas antun können. Männer haben diese Macht nicht naturgegeben, sondern diese Macht wird durch gesellschaftliche Strukturen hergestellt. Dass die Täter zu etwa 90% männlich sind, ist weder Zufall noch Naturgesetz: „Triebe“ oder körperliche Überlegenheit sind nicht die Faktoren, die zu sexualisierter Gewalt führen. Die Täterforschung hat gezeigt, dass es Tätern in erster Linie um Machtgewinn durch die Erniedrigung der anderen Person geht, nicht um sexuelle Befriedigung. Sexualität ist in dem Fall nur ein Mittel zur Machtausübung.

Es gibt Konstellationen in denen gesellschaftlich ganz klar ein Machtgefälle erkannt wird. Das betrifft beispielsweise sexuelle Handlungen von Erwachsenen an Kindern und auch in professionellen Zusammenhängen wie z.B. zwischen einem Therapeuten und einer Patientin. Sexuelle Handlungen in solchen Bereichen werden gesellschaftlich zumeist klar als Gewalt erkannt und verurteilt.

Doch unterschiedliche Hierarchien können durch viele andere Aspekte entstehen und sind manchmal auch nicht auf den ersten Blick erkennbar. In heterosexuellen Beziehungen kommt diese Ungleichheit besonders zum Tragen, aber auch in lesbischen und schwulen Beziehungen kann es Machtgefälle geben. In unserer patriarchalen Gesellschaft sind es zumeist Frauen, die weniger Macht haben als Männer. Häufig ist die Frau in einer Ehe oder Beziehung jünger als der Mann, Männer verdienen durchschnittlich deutlich mehr als Frauen und haben im Beruf oder auch allgemein in der Gesellschaft eine höher angesehene Position. Besonders deutlich wird die ungleiche Verteilung von Macht dabei, wenn eine Frau eine Beziehung oder sexuelle Kontakte mit einem Vorgesetzen hat.

Doch auch innerhalb der Gruppe, in Freundschaften oder Cliquen treten Machtgefälle auf, sind die einen angesehener oder beliebter als andere. Auch Rassismus oder ein Aufenthaltsstatus der vom Partner abhängig ist, können eine Rolle spielen, genauso wie emotionale Abhängigkeit. All diese Faktoren können eine ungleiche Machtverteilung zur Folge haben und dann bewusst oder unbewusst ausgenutzt werden. Wenn in solchen Konstellationen dann Sexualität gelebt wird, werden häufig Sachen gemacht, die eigentlich nicht von beiden Partnerinnen gewollt sind. Die sexuelle Selbstbestimmung wird verletzt, es kommt zu Grenzüberschreitungen.

Sexualisierte Gewalt ist eine Auswirkung der patriarchalen Strukturen und gleichzeitig eine der stärksten Ausdrucksformen des Patriarchats. Das Patriarchat und sexualisierte Gewalt können und müssen auf allen Ebenen bekämpft werden und zwar mit allen Mitteln.

Eheliche Pflichten?

Du hast schon wieder keine Lust? Und machst Dir Sorgen, ob dein Partner / deine Partnerin Verständnis dafür hat. Viele Männer denken, sie haben einen Anspruch darauf, dass ihre Freundin oder ihr Freund regelmäßig Sex mit ihnen hat. Manche Frauen haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihren Partner bzw. ihre Partnerin zurückweisen. Dann wird angefangen zu drängen und zu überreden, wenn ihre Partnerin oder ihr Partner gerade keine Lust auf Sex hat oder vielleicht schon länger keine Lust darauf hatte. Das resultiert aus der patriarchalen Tradition, nach der in der Ehe „Pflichten“ zu erfüllen sind.

Obwohl das abgeschafft ist, haben viele Menschen diese Vorstellungen noch verinnerlicht. Aber: Eheliche Pflichten sind abgeschafft! Ein Partner / eine Partnerin hat keinen Anspruch auf irgendwas. Und wenn Du 7 Wochen hintereinander oder 34 Jahre lang keine Lust auf Sex mit jemandem hast, dann hast Du eben keine Lust dazu. Punkt.

 

Auswirkungen sexualisierter Gewalt

Jedes 3. bis 4. Mädchen und jeder 9. bis 12.Junge hat sexualisierte Gewalt erlebt. 40% aller Frauen in Deutschland haben körperliche oder sexualisierte Gewalt oder beides erlebt. Sexualisierte Gewalt zu erfahren führt zu starken Verletzungen – psychisch und manchmal auch körperlich. Um diese schreckliche Situation zu überleben, entwickeln Betroffene Strategien zum Selbstschutz, sowohl in der Situation, als auch danach. Manche dieser Schutzmechanismen laufen unbewusst ab.

Die Erfahrung sexualisierter Gewalt kann für die Betroffenen ganz unterschiedliche Folgen haben: Manche schämen sich oder empfinden Ekel oder Schuldgefühle. Es kann zu ungewollten Erinnerungen an die Gewaltsituation kommen, zu Angst- und Panikattacken, Alpträumen und Erinnerungslücken. Manche Betroffenen werden depressiv, trinken viel Alkohol, entwickeln Essstörungen oder ziehen sich aus sozialen Beziehungen zurück. Viele Betroffenen können viele Jahre lang mit niemandem darüber sprechen, was sie erlebt haben – auch nicht mit engen Freundinnen oder Partnerinnen oder verdrängen das Erlebte. Ein Heilungsprozess kostet Kraft und Mut und dauert oft Jahrzehnte oder das ganze Leben. In der Regel bleiben Narben zurück.

Erfahrung mit sexualisierter Gewalt kann für die Betroffenen unter Anderem auch Auswirkungen auf die Sexualität haben. Es kann zum Beispiel beim Sex zu Flashbacks, also plötzliche Erinnerungen an die Gewalt-Situation, kommen. Es können Unsicherheiten und Ängste auftreten. Es kann schwierig sein, Vertrauen zu einem Partner/ einer Partnerin aufzubauen. Manche Betroffene vermeiden Liebesbeziehungen und /oder Sexualität, andere nicht.

Sexualität muss immer in einer Atmosphäre stattfinden, in der sich alle Beteiligten sicher fühlen. Für Frauen oder Männer, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, gilt das um so mehr. Gespräche, Absprachen für den Umgang mit bestimmten Situationen und ein sensibles Verhalten des Partners/ der Partnerin sind besonders wichtig.

Alkohol und Drogen

Viele Menschen werden locker, wenn sie Alkohol trinken oder bestimmte Drogen konsumieren. Sie fühlen sich unbeschwerter, der Kontakt u anderen Menschen fällt leichter. Doch Alkohol und manche Drogen lassen auch die Hemmschwelle sinken. Zum einen wenden betrunkene und berauschte Männer häufiger Gewalt an um ihre Wünsche durchzusetzen und es kommt häufiger zu Grenzüberschreitungen. Zum anderen machen Menschen wenn sie angetrunken sind aber auch oft Sachen, die sie nüchtern nicht gewollt hätten. Gerade im Bereich der Sexualität ist das ein Problem. Laut einer Studie aus England wusste jedes 10. Mädchen am Morgen nach einem Rausch schon einmal nicht mehr, ob sie Sex gehabt hatte.

Es gibt Täter, die gezielt betrunkene Frauen aussuchen oder sie mit Drogen (z.B. sog. K.O. Tropfen) oder Alkohol manipulieren, um anschließend ihre Wehrlosigkeit auszunutzen. Wenn Frauen unter Alkohol oder Drogeneinfluss Gewalt erleben, wird ihnen oft eine Mitschuld unterstellt. Aus Scham oder Schuldgefühlen kommen solche Taten noch seltener als sonst zur Anzeige.

Doch auch wenn es nicht zu konkreter Gewalt kommt, ist es betrunken oder berauscht schwieriger zu erkennen und zu sagen was eine mag oder was ihr eben nicht gefällt. So stellt sich die Frage in wie weit denn noch von freier Willensentscheidung und sexueller Selbstbestimmung gesprochen werden kann. Es ist keine Entschuldigung für Gewalt, betrunken gewesen zu sein, genauso wenig wie man sich darauf berufen kann, eine Person hätte dieses oder jenes doch selbst gewollt, wenn sie in einem bestimmten Ausmaß berauscht war. Sexualität erfordert von allen beteiligten, dass sie ihr eigenes Verhalten reflektieren und Verantwortung für beide übernehmen.

 

Alles Hetero, oder was? 

Frauen verlieben sich in Männer und umgekehrt, davon wird allgemein ausgegangen. Alles andere ist eine Ausnahme und eigentlich auch unerwünscht. Wer lesbisch, schwul oder bisexuell ist muss sich ständig erklären und rechtfertigen oder verstecken.

Viele Menschen haben jedoch gesellschaftlich nicht die Möglichkeit überhaupt zu erkennen welche sexuelle Orientierung sie haben oder diese auszuleben. Es fehlen neutrale Vorbilder, die lesbische, schwule und bisexuelle Menschen in ihrem Alltagsleben zeigen, jenseits gängiger Klischeevorstellungen. Schon kleinen Mädchen wird eine heterosexuelle Lebensweise als die einzige Möglichkeit dargestellt. Babys wird, wenn sie ein anderes Baby anlächeln, unterstellt, dass sie bestimmt später mal heiraten, vorausgesetzt natürlich dass es sich um ein Kind anderen Geschlechts handelt und kleine Mädchen erfahren, dass sie mit diesem hübschen Kleid oder Augenaufschlag oder was auch immer später bestimmt einen tollen Mann finden.

Von Menschen wird erwartet, dass sie heterosexuell leben, also tun sie es. (Oder verzichten ganz auf zwischenmenschliche Sexualität) Auch wenn sie vielleicht merken, dass dies nicht auf ihre Gefühle passt. Homo- und bisexuelle Personen sind in unserer Gesellschaft nicht sichtbar. Die wenigsten Lesben und Schwulen treten in allen Lebensbereichen (in der Arbeitsstelle, im Sportverein, gegenüber der Familie, im Freundeskreis … ) offen auf. Sie entscheiden in jeder Situation neu wie sicher es ist offen aufzutreten und welche negativen Folgen ein Outing haben kann.

Vor allem für Jugendliche (aber nicht nur für sie) ist es so schwierig sich ihrer sexuellen Orientierung klar zu werden und herauszufinden was sie eigentlich wollen. Statt Unterstützung erfahren sie häufig Diskriminierung, Ablehnung und Gewalt. Studien zeigen, dass das Suizid risiko bei lesbischen und schwulen Jugendlichen viermal höher ist als das von gleichaltrigen Heterosexuellen. Laut einer Münchner Studie aus dem letzten Jahr raten die Hälfte der befragten Pädagoglnnen Jugendlichen, ihr Lesbisch- oder Schwulsein zu verheimlichen, weil sie negative Reaktionen und Bedrohungen befürchten.

Während schwulen Männern in der Gesellschaft häufig mit Ekelgefühlen und offener Feindseligkeit begegnet wird, wird das Lesbischsein von Frauen eher relativiert oder nicht ernst genommen. Es werden Begründungen gesucht wie zum Beispiel, dass ihr noch nicht „der Richtige“ begegnet sei, ihre Gefühle aus schlechten Erfahrungen mit Männern oder zurückliegenden Gewalterfahrungen kommen oder ihre Gefühle nur eine vorübergehende „Phase“ seien. Selten wird die sexuelle Orientierung als solche angenommen und unterstützt.

 

Nein heißt Nein

„Wenn eine Frau nein sagt, meint sie in Wirklichkeit ja.“ „NEIN!“

Nein heißt NEIN! Es wird endlich zeit, mit der Annahme, Frauen würden ja meinen, wenn sie nein sagen, aufzuräumen. Nein heißt NEIN. Und dabei ist es völlig egal, in welcher Form sich das NEIN ausdrückt. Jedes „Vielleicht später“, „Nein danke“, „Verpiss dich“, „Ich weiß noch nicht“, „Ich mag dich, aber…“, „Ich will jetzt lieber schlafen“ bedeutet genauso NEIN, wie auch jedes Abwenden, Zögern. Auch Schweigen kann NEIN bedeuten.

Ebenso darf die Unterstellung, „wer A sagt muss auch B sagen“ nicht länger Berechtigung haben. Knutschen besagt nicht, dass auch anfassen gewollt ist. Jemanden nach einer Party nach Hause zu begleiten heißt nicht, dass selbstverständlich Sex gewollt ist. Sexuelle Handlungen gemeinsam zu starten bedeutet nicht, dass diese nicht auch verändert, verlangsamt oder eben auch gestoppt werden können. Wer A sagt bzw. macht muss gar nichts! Obwohl Frauen in der Gesellschaft immer noch der passive Part zugeschrieben wird und dem Mann der Aktive, so sieht doch die Praxis oft schon anders aus. Die weitverbreitete Annahme Frauen würden doch nur „Spielchen spielen“ darf nicht weiter als Ausrede für Grenzüberschreitungen zählen.

Die Unversehrtheit und Selbstbestimmung des eigenen Körpers muss selbstverständlich und unantastbar sein!

 

Sex + X

Wir reden hier von Sex, aber was ist Sex denn nun eigentlich? Vorspiel, Geschlechtsverkehr und dann eventuell Nachspiel?

Allgemein wird der heterosexuelle Geschlechtsverkehr als der eigentliche sexuelle Akt angesehen, also als das einzig Wahre. Die Pornoindustrie leistet ganze Arbeit, dieses Bild zu bestätigen. Wenn dem so wäre, wieso haben dann so viele lesbische Frauen ein erfülltes Sexleben, wie kann es sein, dass Küssen und Streicheln oder was auch immer manchmal schöner und erfüllender sind? Auch wenn beim Thema Sex sich hinter verschlossenen Türen bestimmt mehr abspielt als nur das „Schema F‘: so ist es aber leider noch oft in den Köpfen dass die Befriedigung vom Mann wichtiger ist. Wie oft geht es in Gesprächen darum, wie gut Frauen ihren Orgasmus vorspielen können und wie oft sie das tun. Aber warum tun sie das? So ist auch hier leider oft noch der Grundgedanke tief in der Gesellschaft verankert, die Frau muss den Mann befriedigen. Dieser Gedanke verschwindet auch nicht einfach, nur weil die „ehelichen Pflichten“ nicht mehr per Gesetz durch den Mann eingefordert werden können.

Was hier ebenfalls nicht unerwähnt bleiben soll ist die Leistungserwartung an Frauen und Männer beim Sex und die Erwartungen im Allgemeinen. Mal davon abgesehen, dass alles auch schön sein kann wenn es nicht zu einem klassischen Orgasmus kommt, wird es erst recht zum Leistungssport, wenn multiple Orgasmen als Standard gesetzt werden. Auch hier kann Leistungserwartung und Druck abgebaut werden, wenn Vorstellungen und Erwartungen durch Reden abgeklärt werden. Als normal gilt, gesellschaftlich anerkannt, wohl immer noch die Missionarsstellung bei der wohl besonders deutlich die patriarchale Grundeinstellung der Gesellschaft zu beobachten ist. Deshalb Frauen: Bleibt und werdet aktiv und sagt was euch gefällt und nicht gefällt! Und Männer: Fragt doch einfach nach was gewollt ist und was nicht, woher sollt ihr es sonst wissen?

Es ist also eigentlich nicht möglich genau zu definieren was Sex ist, denn es müssten alle Individualitäten berücksichtigt werden, als auch besondere Lebensumstände und das ist mit einer einfachen Definition wohl nicht zu machen. Um so mehr muss darüber geredet werden, was gewollt und gewünscht ist. Entscheidend ist doch, dass alle Beteiligten Spaß an der Sache haben, dass es schön für sie ist was sie da machen, völlig egal was sie da genau machen.

In Sachen Sex und Intimität lernt man sein Leben lang nie aus, deswegen soll Selbstbestimmung in diesem Fall bedeuten, herauszufinden, was gefällt und auch was NICHT gefällt.

 

Reden hilft! – Beziehungsweisen

Lucie und Norman sind schon seit einer Weile zusammen. Sie verstehen sich auch mittlerweile so gut, dass sie sich oft ganz ohne Wort verstehen. Beide haben auch schon Erfahrungen mit Sex, auch schon miteinander, also was soll schon schiefgehen?

Beide geben sich beim Sex wirklich Mühe, wollen das es dem anderen gefällt und trotzdem ist es einfach für beide nicht so schön wie sie es sich vorstellen. „Irgendwie findet er beim streicheln einfach nicht die Stelle, die ich richtig geil finde, aber ich hab ihm auch noch nie gesagt, wo sie ist…“ „Die eine Stellung find ich echt nicht so gut, ist voll anstrengend und ich kann mich gar nicht fallen lassen, aber es ergibt sich halt oft so…“

Die Film und Buch-Industrie spielt uns vor, dass zwei verliebte Personen beim Sex sich automatisch und ohne Worte perfekt verstehen. In der Realität sieht das meist anders aus. Da beim Sex meistens zwei Menschen (manchmal auch mehr) zusammen kommen, die sich anfangs vielleicht nicht kennen, müssen sie sich im Bett auch erst mal kennen lernen (egal ob in einer Beziehung oder bei einem „One Night Stand“). Wahrscheinlich haben fast alle Menschen Wünsche und vielleicht sogar konkrete Vorstellungen darüber was sie wollen, aber es wird schwierig sein, sie zu erraten. Viel Kommunikation findet über Körpersprache statt, vor allem wenn es vielleicht gerade leidenschaftlich oder romantisch ist, aber je weniger man die andere Person kennt, um so weniger weiß man doch genau, was die Person mag oder auch nicht. Neue Erfahrungen, ja bitte, aber auch hier gilt, wenns nicht gefällt: „Nein“ und nachfragen macht Sinn!

Kleiner Tipp wem es schwer fällt sich auszudrücken: gemeinsam ein gutes Sexbuch lesen, das könnte ein Gespräch oder Formulierungen vereinfachen. Außerdem gibt es Themen, die man besprechen muss, wie z. B. Verhütung oder der Schutz vor AIDS etc. Es ist leider immer noch so, dass es oft an der Frau ist das Thema anzusprechen. Das funktioniert auch ganz gut, denn sie tragen letztendlich die Konsequenzen, oft auch alleine, sei es eine Schwangerschaft, ein Abtreibung oder die Pille danach. Gängige Rollenbilder, dass der Mann aktiv ist und die Frau sich passiv verhält, können durchbrochen werden, indem Frauen sagen was sie wollen und auch Männer ihre oft dominante Rolle hinterfragen und ebenso anfangen gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.

Beziehungsweise

Wir stellen uns im Folgenden die beste aller Beziehungen vor! Nein! Egal ob Romantische Zweierbeziehung, Offene Beziehung, Affäre oder Montags mit Elke, Mittwochs mit Nils, Freitags und Tina und Andi. Es geht hier nicht um die Frage welche Art von Beziehung oder Liebesverhältnis besser oder schlechter ist. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass das Beste aller Beziehungsmodelle uns allen gleichermaßen passen kann. Sich mit Beziehungsformen auseinander zu setzen ist keine leichte Sache, weil sich stets Vorlieben, Erwartungen und Grenzen einzelner Menschen mit gesellschaftlichen (meist patriarchalen) hierarchischen Verhältnissen mischen.

Das Schwierigste ist, sich von gesellschaftlichen Normen und Moral zu verabschieden und die an-sozialisierten Vorstellungen aufzubrechen, die wir seit unserer Kindheit verinnerlicht haben. Stattdessen müssen wir unsere eigenen Vorstellungen entwickeln, was Beziehung sein kann und wie Sexualität gelebt werden kann, ohne dass wir dabei sofort den hetero-Perfekte-Körper-Blümchen-Sex und die Er-und-Sie-lebten-glücklich-und-zufrieden-bis-an-ihr-Lebensende-Beziehung vor Augen haben, die gesellschaftlich propagiert werden. Egal ob Liebesbeziehung oder jede andere Form von zwischenmenschlichen Verhältnissen, klar muss sein, die Grenzen anderer zu erkennen und zu akzeptieren, materielle Abhängigkeit so gering wie möglich zu halten und jede Art von physischer und psychischer Gewalt weder zuzulassen und schon gar nicht auszuüben.

Es gilt Formen zu finden, wo es möglich ist eigene Bedürfnisse nach Sicherheit, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Nähe und Sexualität erfüllt zu wissen, ohne einengende Zweierbeziehungen oder verletzende Affären zu führen.

Fragen die sich jeder und jede stellen kann sind:

  • Kann meine Bedürfnisse eine Person allein erfüllen?
  • Worum geht es mir bei meinen Affären eigentlich?
  • Worauf kann ich mich einlassen?
  • Wo verläuft die Grenze der anderen Person?
  • Warum haben wir so starke Verlustängste, die sich in Eifersucht ausdrücken?
  • Steht Heikes Freund Peter vielleicht doch eher auf Ali?
  • Und warum reden wir so selten über unsere Vorstellungen und Wünsche?

2 thoughts on Sexuelle Selbstbestimmung

  1. Das ist mit wieder ein Ansatzpunkt, mich selbst, d.h. mein Handeln und auch Denken zu Hinterfragen, mir Hinweis Gesellschaftlicher Rollen bewusster zu sein, und sich diesen nicht einfach zu fügen in dem ich mich selbst verbiege. Und vor allem zeigt es mir auch wieder auf, was für ein Idiot ich doch mal wieder bin, und lehrt mich so wiederum Bescheidenheit.

    Danke.

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  2. Hallo,

    Hiermit möchte ich ein ganz großes Lob für diesen sehr gut geschriebenen und auch sehr umfassenden Artikel aussprechen.
    Ich selbst bin sehr froh darüber, dass ich in meinem bisherigen Leben oft erfahren konnte, dass ich genug menschengegebene Vernunft besitze, alle Punkte, die eine consent culture ausmachen, als natürlich empfinde und diese, unter menschlicher Vernunft betrachtet, eigentlich allgemein verbreitet sein müssten, was leider so gar nicht der Fall ist.
    Jdf versuche ich mich immer weiter zu sensibilisieren, weil ich ebenso oft feststellen muss, dass ich trotz Vernunft über viele gegebene Dinge nie richtig nachgedacht habe bzw. mir oft neue Perspektiven aufgezeigt werden, die ich so nie nachvollzogen habe, weil es a.) nicht mein Phänotyp ist (sehr priviligiert als weißer Mann in Europa) und/ oder b.) mir schon fast eingebrannt ist, aufgrund gesellschaftlicher Imprägnierung (Werte/ Erziehung/ Weltanschauung).
    Vermehrt mit diesem Thema/ Problem habe ich mich vor allem leider erst mit #aufschrei auseinandergesetzt.
    Dabei erfährt man viele Berichte und Schilderungen, die einen nicht bloß sensibilisieren, sondern vor allem Betroffen machen, was auch völlig zu Recht ist und dem Geschilderten leider auch nicht gerecht werden kann.
    Dieser Artikel macht das nicht, weil er natürlich in eine andere Richtung geht, aber vor allem klärt er sehr umfassend und sehr gut erläuternd auf, wie es viele Blogberichte, die ich gelesen habe, nicht konnten.
    Diese Punkte erscheinen mir völlig klar und unglaublich logisch, sodass sie eig jeder_m , mich eingeschlossen, klar sein sollten, aber sie sind nun mal leider nicht omnipräsent, sodass man , mich leider definitv eingeschlossen, immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden muss.
    Und das wird in diesem Artikel super gemacht, sodass ich ihn dafür abspeichere, um ihn immer in zur Hand zu haben für Andere und um ihn mir immer mal wieder ins Gedächtnis zu rufen.
    Chapeau und weiter viel Erfolg.
    Ich hoffe innigst, dass unsere Gesellschaft mal in einer Consent Culture ankommt und will dazu gerne meinen Beitrag leisten. Zumindest will ich mich weiter in Demut und Selbsterkenntnis bemühen, um mit darauf hin zu arbeiten.

    Alles gute weiterhin

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