Warum laufen die Feminist*innen weg?

Frau Schwarzer, Sie sind ja nicht erst seit heute – auch bezüglich feministischer Themen – kaum mehr ernstzunehmend. Neben diversen konservativen Einstellungen, die unsere sexuelle Selbstbestimmung beschränken sollen, fallen Sie durch merkwürdige Positionen und allerlei Kooperationen auf.

Nach Springer-Werbung eine eigene Kolumne in der BLÖD dann also CDU-Klügeleien.

Nun haben Sie also mal wieder publiziert und dabei erneut ein Vögelchen abgeschossen, mit der Glanzleistung „Warum laufen die Männer weg“. Zwar stößt mir fast jeder einzelne Satz im Artikel auf, ich möchte dennoch nur einige spezielle Punkte herausgreifen.

Lookismus

Gleich im ersten Absatz verweisen Sie auf drei Fallbeispiele:

Die erste war eine junge, besonders attraktive TV-Moderatorin. Sie hatte mich zu meinem Leben interviewt, zu den Männern, den Frauen … Und als die Kamera abgeschaltet war, redete sie weiter: über die Männer. Und dass die ja heutzutage Angst hätten vor den Frauen, vor allem vor den emanzipierten. Und dass sie zum Beispiel keinen Mann fände. – Die zweite war eine gutaussehende Mittdreißigerin auf einem Geburtstagsfest ihres Schwagers. Die gleiche Klage. – Die Dritte war eine hübsche, sehr blonde Studentin. Das gleiche Lied.

Ich lese: Lookismus, Lookismus, Lookismus. Und habe eigentlich gar keine Lust mehr, weiterzulesen. „Einen Mann abkriegen“ hängt also Ihrer Meinung nach wesentlich davon ab, wie gut Stereotypen entsprochen wird und es ist total verwunderlich, dass sogar ausgesprochen attraktiven Frauen „die Männer weglaufen“. Aha.

Dann gehts weiter mit einem „alles Private ist politisch, auch die Liebe“-Aufguss, ob denn Liebe überhaupt ein tragfähiges Konzept sei usw usf.

Sexuelle Selbstbestimmung

Lustig gehts dann weiter, wenn es um sexuelle Bedürfnisse geht:

Männer sind seit Jahrhunderten die für sie so praktische Teilung zwischen Sex & Liebe, zwischen Heilige & Hure, Ehefrau & Geliebte gewohnt. Wir Frauen aber sind da lange und nachhaltig anders geprägt, nicht qua Natur, aber qua Rollenzuweisung. Wir kriegen das nicht so hin – in der Regel, Ausnahmen bestätigen dieselbe. Wir tun zwar öfter so, als ginge es auch uns nur um Sex, in Wahrheit aber sehnen wir uns nach Liebe. Und die Männer? Die spüren diese Bedürftigkeit. Was sie überlegen macht.

Einerseits sind Frauen qua Rollenzuweisung anders geprägt, andererseits „sehnen wir uns in Wahrheit nach Liebe“, wenn wir jenseits dieser Rollenzuweisung unser Recht auf freie, sexuelle Entfaltung geltend machen.

„Auf dem Terrain der „freien Sexualität“ spielen wir also nur gleich, sind aber in Wahrheit unterlegen“

Ich tu nur so, als ob ich ficken will, um des Ficken willen. Weil ich heimlich doch immer eine RZB (Romantische Zweierbeziehung)  mit einem Mann haben möchte. Wegen der Rollenzuweisung, die nichts mit biologistischem Dreck zu tun hat. Oder so.

Unattraktive Eigenständigkeit

Außerdem sind wir Frauen in eine „Falle getappt“, als wir uns Pflichtenteilungen und gleichberechtigte Beziehungen wünschten.

Es ist die doppelte Botschaft, die die moderne Frau in den Augen des modernen Mannes oft so wenig anziehend macht. Die wird von der emanzipierten Frau selbstverständlich nicht zugegeben

Homosexualität

Des weiteren stellen Sie Homosexualität als frei wählbaren Lifestyle dar, (Sexual-)Partner sind „Möglichkeiten“, die durch herbeigezauberte Bisexualität „verdoppelt“ werden. Dabei schrecken Sie nicht mal davor zurück, auf Freud („Penisneid“) zurückzugreifen:

„Keine Rede mehr von Freuds „polymorpher Sexualität“, die nicht ausgerichtet ist auf ein bestimmtes Geschlecht, sondern individuell je nach Lust und Interesse gelebt werden kann.

Partnersuche

Zwar soll laut Schwarzer frau aufhören, nach einem Mann zu suchen, dann aber „irgendwann hoffentlich einem Individuum begegnen, das sie ganz spezifisch interessiert und bei dem sie spürt, dass dieses Interesse gegenseitig ist.“ Das gute alte „Es geschieht, wenn du es am wenigstens erwartest“ also.

Denn klar, dass die (Hetero-)RZB das Maß aller Dinge und all unser Sehnen, Hoffen und Wünschen dahingehend ausgerichtet ist, hat schon Frau Rösinger zum Valentinstag hübsch karikiert.

Selbst wenn ich mir nun genau jenes Beziehungsmodell für mich selbst wünsche und darin meine romantischen Bedürfnisse erfüllt sehe: laut Schwarzer kann ich das weder selbst kommunizieren, noch von meiner Sexualität losgelöst sehen, außerdem „nehmen Frauen sich und andere Frauen aus Liebe selbst nicht so ernst…“.

Warum genau ich es „als Feminist*in“ jetzt besonders schwer mit der Partnersuche haben soll, weiß ich zwar immer noch nicht, denn, wie map schreibt „Männer sind in ihrer privilegierten Position eher selten gezwungen sich mit Emanzipation überhaupt auseinander zu setzen.“, dafür aber, dass „dem Mann auf dem Liebesmarkt exakt doppelt so viele Angebote zur Verfügung wie der Frau stehen“ (Witzig auch in Hinblick auf die gestern veröffentlichte Mikrozensus-Studie, die besagt, dass zunehmend Männer als Single leben).

Am Ende bleibt ein: Ey Frauen, besinnt euch mal, so emanzipiert will euch doch keiner.
Herzlichen Dank, feministische Galionsfigur. So will ich dich nicht.

3 thoughts on Warum laufen die Feminist*innen weg?

  1. „Am Ende bleibt ein: Ey Frauen, besinnt euch mal, so emanzipiert will euch doch keiner.“?

    Bei allem mir ebenfalls auffallendem Fokus auf Heteronorm und den recht kühnen Annahmen über die ‚Freiwilligkeit‘ sexueller Neigung sowie anderen Kritikpunkten: Ich lese im Fazit des Textes eher den Wunsch nach *mehr* Emanzipation, nämlich einem offeneren und direkterem Formulieren von Wünschen und Vorstellungen gegenüber möglichen Partner_innen statt dem Einnehmen einer Pose, die solche als ‚Schwäche‘ wahrgenommenen Bedürfnisse zu verbergen sucht. Oder überspitzt gesagt: Menschen, die nur Sex wollen und was von Liebe faseln machen den selben Fehler wie Menschen, die vor allem Liebe wollen und so tun, als ginge es ihnen nur um Sex. Schwarzers Empfehlung lautet für mich also nicht, weniger emanzipiert aufzutreten, sondern das genaue Gegenteil davon.

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  2. Hi,
    ich glaube, du hast die Quintessenz des Artikels nicht ganz verstanden. Schwarzer kritisiert nicht etwa das Maß des Feminismus, sondern die Art, wie er heute gelebt wird. Weiterhin teile ich einige Punkte deiner Kritik, allerdings finde ich, deinem Text hätte vielleicht ein bisschen weniger Emotionalität beim Schreiben gut getan.
    Dass zuviel Emotinalität drinsteckt, zeigt gleich schon die Einleitung, in der du dich schonmal gut auf Schwarzer’s Person einschießt und die keinen Zweifel an deinem nicht-neutralen Standpunkt lässt.

    Mit etwas Abstand lässt sich auch der von dir angeprangerte Lookismus als ironische, sublime Gesellschaftskritik deuten. Denn, zweifelsohne: Die westliche Gesellschaft hat ihre normativen Schöhnheitsvorstellungen. Gefährlich wirds erst, wenn mensch diese verdrängt und nicht auf solche Probleme hinweist. Wenn das Motiv dafür ‚Lookismus vermeiden‘ ist, ist das zwar an sich löblich, der Effekt verpufft leider. Westliche, normative Schönheitsvorstellungen verschwinden nicht, wenn mensch nicht mehr auf diese hinweist. Zugegeben, eventuell hat das Schwarzer ein bisschen zu sublim getan.
    Du hast viel Talent zum differenzierten Schreiben, aber verbau’s dir doch nicht selber, in dem du persönliche Vorbehalte gleich in der Einleitung offenbarst 😉
    VG

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