Rezension – Fleischmarkt

Anfang des Jahres erschien in der Edition Nautilus die deutsche Übersetzung von „Meat Market: Female Flesh Under Capitalism (2011)“ von Laurie Penny.

Für 9.90€ und mit 122 Seiten das perfekte Buch für ein halbes Wochenende im Zug.

„Fleischmarkt ist ein Stück feministischer Dialektik, das den Körpoer der Frau als sexuellen Stützpunkt des kapitalistischen Kannibalismus offenlegt“, verspricht das Cover, „Fleischmarkt zeigt einige der Strategien auf, mit denen Frauenkörper entmachtet und kontrolliert werden“ der Klappentext.

fleischmarkt-penny

Die Übersetzung liest sich, nun ja, holprig und ein bisschen nach leo.org. Schade drum, denn Penny bedient sich einer starken Sprache, formuliert klar, aufrührerisch, macht wach – wird aber in unverständlichen Sätzen wiedergegeben, die unbeholfen Parolen und Schlüsselsätze versanden lassen.

1. Kapitel – Anatomie der modernen Frigidität 
Penny beschreibt, wie Frauen von klein auf dazu getrieben werden, ihr erotisches Kapital auszubilden, „eine erbitterte, unfrohe Pflicht, den richtigen Look zu kennen, das kokette Schmollen und gelegentliche teilnahmslose Rumvögeln draufzuhaben“, „zu hungern, zu leiden, Geld auszugeben, uns zu stylen, zu funktionieren und unseren Platz in einem Schauspiel einzunehmen (…)“.

Über Pornographie äußert sich Penny äußert negativ, was aber der einzige inhaltliche Punkt im Buch blieb, bei dem ich nicht mit ihr d’accord ging.

2. Kapitel –  Raum einnehmen

Auch anhand ihrer eigenen Essstörung beschreibt Laurie Penny den freiwilligen Hunger von Millionen Frauen für eine normativen Körper als „Niederlage des Feminismus“ und wie sie selbst gelernt hat, ihren Körper zu lieben:

„Ich bin hungrig, immer noch hungrig. Aber das Fleisch und die Enttäuschungen des echten Lebens schmecken besser, als Dünnsein sich je angefühlt hat“.

Eindringlich wird klar, wie uns Frauen täglich eingetrichtert wird, dass wir „hungriger, schlampiger, hässlicher, bedürftiger, ärgerlicher, mächtiger und weniger perfekt sind, als wir sein sollten“ – und welche Kontrollmechanismen und Lobbygruppen dahinter stehen, diese Botschaft auch weiterhin zu vermitteln.

3. Kapitel – Geschlechtskapital

Die öffentliche, systematische Entsexualisierung von Feminist*innen beschreibt Penny als Angst- und Parierhandlung aufgrund der Gefährdung von sozial konstruierten Geschlechtern. Gerade deshalb appelliert sie an Feminist*innen, endlich mit der Transbewegung Hand in Hand zu gehen – Auflösung von Stereotypen könnten die am besten, die sich ihr Leben lang mit Genderrollen befassen müssen.

4. Kapitel Drecksarbeit

Im letzten Kapitel geht es um „Drecksarbeit“. Und ich bin beim Lesen erstmals ehrlich fassungslos. Die faulen Prinzen und Tischherren daheim, die „es halt nicht besser können/wissen/gelernt haben“, haben verheerende Auswirkungen auf das gesamte Weltgeschehen. Unbezahlte Heimarbeit (Pflege, Reproduktionsarbeit, Hausarbeiten…) wird nach wie vor fast ausschließlich von Frauen geleistet. Dass ein „Ich sehe den Dreck halt nicht so wie du“ ausreicht, dass weiterhin Frauen sowohl innerhäuslich sämtliche Aufgaben übernehmen, als auch Vollzeit in der Wirtschaft arbeiten, ist entsetzlich und ein Armutszeugnis. Noch schlimmer ist nur, dass zunehmend andere, ärmere, immigrierte, bildungsfernere (…) Frauen benutzt werden, um diese „Beziehungsprobleme“ auszugleichen: In Form von immer mehr Putzfrauen, Au-Pairs, Kindermädchen. Wir Frauen geben den Kelch an andere Frauen weiter. Zeit, Schluss zu machen. Zeit für ein Nein:

„Nein, wir werden nicht dienen. Nein, wir werden uns nicht mit der Drecksarbeit abfinden, (…) Nein, wir weigern uns. Wir werden eure Kleider und Schuhe und chirurgischen Lösungen nicht kaufen. Nein, wir werden nicht schön sein und wir werden nicht brav sein.“

Fazit

Inhaltlich hätte ich mir mehr Struktur und die versprochene „Offenlegung von Strategien“ gewünscht. Zwar wird wiederholt angebracht, dass der Kapitalismus auf die Arbeit der Frauen angewiesen ist, sie 80% der Waren und Dienstleistungen erwerben etc., die Verzahnungen von Frauenkörpern und Kapitalismus als strukturelles Instrument wird dennoch weitgehend im Dunkeln gelassen und es bleibt bei einer oberflächlichen Betrachtung einzelner Auswüchse wie der Playboy-Bunny Marke. Dennoch: Überaus lesenswert – denn augenöffnend, aufbrecherisch, stark und wahr ist dieses Buch. Bestenfalls wohl in der Originalausgabe zu lesen.

One thought on “Rezension – Fleischmarkt

  1. “Aber wenn marginalisierte Menschen ihre eigenen feministischen Gruppen bilden können, warum sollten Männer dann nicht auch ihre eigene Sorte Feminismus bekommen?”, höre ich euch sagen.

    Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *