Terre des choc

[Inhaltswarnung: Häusliche Gewalt]

 

Der Verein terre des femmes (Menschenrechte für die Frau) hat mit Unterstützung der Agentur McCANN eine ganz toll kreative Promotion-Aktion ausgeheckt, um auf häusliche Gewalt gegenüber Frauen aufmerksam zu machen.

Auf wuv.de heißt es in einem Text, der vermutlich der PR-Meldung entlehnt wurde:

Die Frauenrechtsorganisation baute (..) in Berlin einen Stand auf, an dem sich Frauen angeblich kostenlos schminken lassen konnten. Was sie nicht ahnten: Das eigens entwickelte Make-up „The Truth“ von Terre des Femmes sollte nicht abdecken, sondern „aufdecken“. Statt einem schönen hautfarbenen Teint wurde ihnen ein blaues Auge verpasst

Das Kampagnenvideo:

Der Verein schreibt auf seiner Website:

Je nach Region sind zwischen 20 und 59 Prozent der weiblichen Weltbevölkerung Häuslicher Gewalt ausgesetzt. Auch in Deutschland gehören Misshandlungen durch den Ehemann oder Lebenspartner zum Alltag vieler Frauen

Bei diesen Zahlen ist es offenbar unfassbar weit hergeholt, dass bei einer oder mehreren der im Rahmen der Promo geschminkten Frauen, um eine Betroffene handeln könnte, die von so einer „Überraschung“ re-traumatisiert werden könnte?

Die Aktion ist auch dann höchst verstörend, falls dieser Fall nicht eingetreten ist. Hier wird gezielt auf den Schockeffekt gesetzt, was auch gar nicht bestritten wird – Werbewirksamkeit und so.

Die Kreatividee, die vom Stereotyp Schminke + Frauen = Profit ausgeht, und „aufdecken statt abdecken soll“ offenbart nur, was dabei herauskommt, wenn Werber eine total fancy provokante Aktion mit sensiblen Themen angehen.

Nicht-Consentual unwissende Frauen als Betroffene maskieren und sie spontan mit etwas „konfrontieren“, das für viele Frauen sowohl persönlich als auch im näheren Umfeld Alltag ist, um dann um Spenden zu bitten, ist nicht okay. Wieso werden mal wieder keine Täter angesprochen? Um Frauen zu zeigen „Hey, hier, das kann dir jederzeit passieren, gar nicht so unwahrscheinlich“?

Die Promotion macht was genau sichtbar? Häusliche Gewalt? Wohl kaum. Allerdings mal wieder die Feinsinnigkeit von Werbung und dass Vereine, die sich den Rechten von Betroffenen verschrieben haben, oft meilenweit entfernt von der Realität agieren.

Das Beschwerdeformular beim Deutschen Werberat findet sich hier.

6 thoughts on Terre des choc

    1. Laut wuv sowie horizont fand die Promotion-Aktion so im Sony Center am Potsdamer Platz statt.
      Die Aktion wurde dabei von der Firma Parasol Island gefilmt und als YouTube Zusammenschnitt zur Verfügung gestellt.

      Die Geschmacklosigkeit der Kampagne wird auch nicht dadurch relativiert, dass die Promotion evtl. gar nicht so stattfand.

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      1. Hallo, ich war an dem Tag im Sony Center und hab den Stand gesehen, ich schätze also dass es wirklich echt war! Wir haben uns schon da gewundert, warum der Fokus auf Schminken liegt, wenn es doch um Menschenrechte geht.

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  1. Pingback: Ein blaues Auge gegen häusliche Gewalt | Ruhrbarone

  2. Und selbst wenn es gestellt sein sollte, was ich kaum glaube: Ich finde Deine Kritik vollkommen berechtigt – insbesondere auch wegen der Übergriffigkeit der gesamten Vorgehensweise. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie dann Kampagnen zur Thematisierung von Vergewaltigungen oder Rassismus aussehen sollen.
    Das Thema häusliche Gewalt ist verdammt wichtig und braucht mehr Aufmerksamkeit, aber eben auch die entsprechende Sensibilität in der Kampagnen-Ausarbeitung. Daran fehlte es hier leider vollkommen.

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  3. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Schminkkatastrophen und ein DOVE-Werbespot – die Blogschau

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