Die taz und ihre alten Säcke

Ich freue mich sehr, dass felis den ersten Gastbeitrag auf antiprodukt.de liefert – und ganz besonders darüber, dass es ein nötiger Rant ist. Wie immer unter CC BY-NC-SA.

_________________________________

In einem Artikel auf taz.de beweinte kürzlich Matthias Lohre herzzerreißend den schwindenden Status der alten Männer in unserer Gesellschaft und beklagte sich, dass alte Frauen es ja viel besser hätten.

Noch selten ist es mir bei einem Text (zumindest bei einem der taz) passiert, dass ich bei jedem, wirklich jedem einzelnen Satz nur den Kopf schütteln konnte und mich gefragt habe, wie ein Mensch in dieser Realität leben und trotzdem allen Ernstes einen solchen Unsinn von sich geben kann.

Beginnen wir mit seinem – wie er selbst schreibt – „schmissigen“ Einstieg. Da stellt er erstmal unheimlich provokativ die These in den Raum, dass alte Frauen es gut haben, um uns dann zu erklären, er hätte „eine neue Form der Diskriminierung gefunden“, nämlich eine, die sich gegen alte Männer richtet. Das Wort „gefunden“ könnte meiner Meinung nach in diesem Satz ebenso gut durch „erfunden“ ersetzt werden, denn alles was er anschließend als Begründung seiner Aussage aufführt, ist eine Fiktion aus einer Welt, die dieser Herr sich zusammengebastelt hat, die mit unserer aber nicht viel gemeinsam hat. Wo sind sie denn, die diskriminierten alten Männer? In der Politik? In der Wirtschaft und an den Universitäten? In den Entscheidungsgremien der großen Medienkonzerne? Also überall da, wo Macht, Einfluss, Definitionshoheit und Meinungsbildung zuhause sind. Ja, doch, da ist ein deutliches Diskriminierungsmuster erkennbar! (Und ja, ich weiß: Unsere Bundeskanzlerin bildet selbstverständlich die Ausnahme. Aber das ist genau der Punkt. Sie ist eine Ausnahme der Regel.)

Wie begründet also Herr Lohre seine These des benachteiligten alten Mannes? Zunächst einmal meint er, Frauen würden im Sprachgebrauch nicht altern, sondern reifen. Dass dies ein Symptom davon ist, dass es für eine Frau unschicklich ist, alt zu sein, und daher auf weniger abwertend belegte Begriffe ausgewichen wird, kommt ihm wohl nicht in den Sinn.

Anschließend konstruiert er einen Zusammenhang zwischen dem Begriff „alter Sack“ und den alternden Geschlechtsmerkmalen eines Mannes, was er „arg unfein“ findet, während die Bezeichnung „alte Schachtel“ für ihn offenbar „geradezu putzig“ klingt. Ganz abgesehen davon, dass ich sein Empfinden von „putzig“ nicht teile, lässt er dabei völlig außer Acht, dass der Begriff „Schachtel“ ebenfalls eine Bezeichnung für die primären Geschlechtsorgane der Frau sein kann.

Stattdessen glaubt er anscheinend, ein weiteres Indiz für seine These gefunden zu haben: Der Ausdruck „Fotze“ für eine Frau – den er selbst höchst elegant umgeht – sei weniger gesellschaftstauglich, als „Sack“ für einen Mann, obwohl sich doch beide aus Begriffen für die Geschlechtsorgane ableiten. Wieder verkennt er, dass der Grund dafür nicht mangelnder Respekt für den Mann ist. Im Gegenteil: Die Tatsache, dass ein Begriff für weibliche Geschlechtsorgane derart negativ konnotiert ist, lässt wohl eher darauf schließen, wie gering Weiblichkeit geschätzt wird.

Kommen wir zu Teil Zwei der Auslassungen und damit auch zu meiner Lieblingsstelle. Herr Lohre lamentiert, dass Männer, die “sexuelles Interesse an jüngeren Frauen zeigen”, besonders schlecht dastehen, während ältere Frauen ungestraft jungen Männern nachstellen und sich dabei “Cougar” nennen dürfen. Dass ich persönlich diese Einschätzung nicht teile – im Gegenteil habe ich eher den Eindruck, dass Paare die aus einem älteren Mann und einer jüngeren Frau bestehen, gesellschaftlich deutlich akzeptierter sind als umgekehrt – ist hier gar nicht der entscheidende Punkt. Der Punkt ist, dass die Machtstrukturen, auf die ich weiter oben schon eingegangen bin, dafür sorgen, dass – ja, verdammt! – ein alter Mann, der eine junge Frau angräbt, sehr genau darauf achten muss, ob er dabei eine Machtposition ausnutzt. Und sich im Zweifel auch gefallen lassen muss, dafür Kritik zu kassieren. Natürlich lassen sich Gegenbeispiele konstruieren, in denen eine Frau in einer Machtposition gegenüber einem Mann ist. Aber nochmal: im Allgemeinen haben die alten Männer in unserer Gesellschaft die Macht, der andere Fall ist die Ausnahme von der Regel.

Meine Kommentare zum restlichen Artikel, in dem Herr Lohre noch ein bisschen über die Testikel des Papstes fabuliert und jammert, dass er es so schlecht hat, weil er als Mann geboren wurde und sich das noch nichmal aussuchen konnte, erspare ich euch weitgehend.

Einen Abschnitt möchte ich aber noch der Rolle der taz in dieser ganzen Geschichte widmen. In einer Stellungnahme zu einem anderen (in nicht geringerem Maße schlechten) Artikel schrieb kürzlich Ines Pohl, taz-Chefredakteurin, über den Daseinszweck der taz. Dort ist die Rede vom Grenzen austesten, davon Traditionen zu hinterfragen und “neue Denkräume zu betreten”, davon “neue Erkenntnisse zu gewinnen”. Nichts von alledem tut der Artikel von Herrn Lohre. Die Grenzen austesten, die strukturell zwischen den Geschlechtern herrschen? Nein. Die traditionellen Machtverhältnisse hinterfragen und womöglich gar kritisieren? Nein. Neue Denkräume? Was ist daran neu, dass ein Mann darüber jammert, dass angeblichen an seinem angestammten goldenen Thron gekratzt wird? Neue Erkenntnisse? Dass wir doch bitte den Hodensack des armen Papstes zufrieden lassen sollen? Oh come on… Wann, liebe taz, seid ihr so alt geworden? So reaktionär? So gewöhnlich?

 

6 thoughts on Die taz und ihre alten Säcke

  1. An diesem Artikel stört mich einzig, dass er eine solche Blödheit auch noch eines Kommentars würdigt. Dem Lohre ist wahrscheinlich auf den letzten Drücker kein Thema mehr eingefallen und da hat er zufällig das genommen. Liest sich wie ne alte Deutschhausaufgabe von mir über ein Buch, das ich nicht gelesen hatte: sechs Seiten mittendrin gelesen und den Rest so gut es ging extrapoliert, dann kommt halt sowas bei raus. Dass dem das auch nicht zu Peinlich ist…

    Reply
  2. Schade, dass du bei aktuellen Einträgen die Kommentare geschlossen hast. Bzgl. des aktuellsten Eintrags (8.8.) hätte ich gerne von dir gewusst, was du vom Bedingungslosen Grundeinkommen hältst. Wenn jeder einfach so jeden Monat genug Geld zum Leben bekommt, ohne Hartz-Kontrolle, dann muss niemand mehr Jobs annehmen, bei denen er schlecht behandelt wird. Es heißt zwar häufig „dann geht doch niemand mehr arbeiten“, aber ich glaube, dass viele Menschen so engagiert sind wie du und arbeiten wollen, so lange der Arbeitgeber fair und sozial ist. Wenn niemand freiwillig arbeiten würde, wären alle Millionäre im Ruhestand und alle aus dem Mittelstand mit 50 in Frührente.

    Oder würdest du was ganz anderes machen, wenn für deine Existenz gesorgt wäre? Vielleicht ein Ehrenamt in deinem Lieblingsverein? Kulturelle Events mitorganisieren? Oder doch den ganzen Tag nur daheim WoW zocken?

    Viele Grüße
    Alexander (Piratenpartei)

    Reply
  3. In dem TAZ-Artikel wurde mit viel Humor reflektiert, dass »alte Säcke« ein gesellschaftlich anerkannte Abwertung von in die Jahre gekommenen Männern ist, über die sich eben keiner aufregt. Wenn ich Frauen als »alte Schachteln« oder gar »Fotzen« bezeichnen, stünde mir hingegen ein Sturm der Entrüstung ins Haus. So einfach ist der Punkt.
    Und darüber kann man doch schon mal ernsthaft nachdenken.

    Interessant ist, dass die Autorin das – sexistische – Stereotyp von den permannent selbstmitleidigen Männern bedient: Beschreibt ein Autor nicht ohne Humor ein Phänomen, das er ungleichgewichtig empfindet, heißt es sofort, er »weine«, er »jammere«. Ahso. Indianer kennt kein Schmerz? Wo ist die ach so aufgeklärte feminstische Rollensensibilität, wenn es um Männer geht?

    Ältere Männer, die junge Frauen außerhalb von beruflichen Hierarchien »angraben«, sind im Allgemeinen auch nicht in einer »Machtposition«, wie die Autorin suggeriert. Wodurch denn auch? Weil sie mehr Lebenserfahrung haben? Dies gleicht sich damit aus, dass junge Frauen im allgemeinen weniger Falten und mehr Sex-Appeal haben. Auch dies kann das Gefühl von Überlegenheit und Selbstbewusstsein sowie ein Plus von »Macht« geben. Im Übrigen sind ja beide Seiten nicht gezwungen, eine Beziehung einzugehen mit dem dem jeweils anderen, wenn er ihnen zu »mächtig« ist.

    Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *