Was Beerdigungen mit Büchern zu tun haben

Seit gestern werden auf Twitter Bücherregale fotografiert und unter dem Hashtag #shelfie geteilt.

Ich weiß nicht genau, was die Intention war, vermute aber, dass sie mit einem vielbeachteten Vice-Artikel zusammenhängt, in dem es um „Selfies“ (Selbstporträts) bei Holocaust-Denkmälern und Gedenkstätten geht. Von „anstandslos“ ist da die Rede, und überhaupt wird sich, wie schon immer, gerne über die Verkommenheit der Jugend ergangen.

„Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes (…). Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen. (Aristoteles, gr. Philosoph,  384-322 v. Chr.)“

„Selfies“, sind ein Ding der „Jungen“, genauso wie YouTube, Tumblr, der Begriff Yolo oder Swag und für viele von uns unzugänglich, unverständlich oder eben total morallos.

Diese „unpassenden“ Selbstporträts werden in Tumblrs wie „selfiesatfunerals“  oder „selfiesatseriousplaces“ gesammelt.

Da lässt sich dann gut richten, über die Jugend und ihre Unsitten. Dass ich auf der Beerdigung bin, weil ich meine Freundin unterstützen möchte, nicht weil ich den Verstorbenen kannte, ausdrücklich ein fröhliches Fest gewünscht wurde oder mein Vater mich zwingt, mit zur Beerdigung der Großtante zu gehen, die ich noch nie gesehen habe, fällt hier unter den Tisch. Was bleibt, sind unmögliche Teenys, die lachen, obwohl sie sich doch nach Protokoll zu verhalten haben.

Niemand muss gut finden, wenn auf dem Holocaust Mahnmal herumgesprungen wird. Die Dachau-Klassenfahrt und die Erlebnisse dort sind aber vielleicht nur mit Humor erträglich, die langatmigen Architekturausführungen einer Gruppenleitung eventuell Anlass, mit Freunden zu teilen, was ich heute erlebt habe (…).

Niemand hat das Recht, zu bewerten, ob diese Teenager sich deshalb ernsthaft mit der Holocaust-Thematik auseinander gesetzt haben oder nicht, ob sie blasphemisch auf Gräbern tanzen oder nicht. Anstandslos und verkommen ist es, Teenager mit Namensnennung und Gesicht zu diffamieren.

[Edit: Diese Gedanken find ich gar nicht mal mehr so gut, nachdem ich das hier gelesen habe. Könntet ihr auch mal machen.]

Mein Haus, mein Auto, mein Bücherregal

Unter dem Motto „Shelfies statt Selfies“ tauchten dann gestern erste Fotos von Bücherregalen in der Twitter-Timeline auf.  Das Ganze wurde mit „Das Selfie der Intellektuellen“ umschrieben.

Diese Form der Abgrenzung ist für sich schon problematisch, ich kann ja gleichzeitig eine Hausbibliothek haben und auf der Beerdigung der Nachbarin ein Grinse-Foto posten.

Die Romantisierung von Büchern und dem Lesen gibt es vermutlich schon seit es Buchdruck gibt. Irgendwas vom Duft neuer Seiten, gar der Untragbarkeit einer nicht-lesenden Partner_in, Ersatz von Menschen usw. usf.. Ein ähnlicher Hype um andere Medien, beispielsweise Videospiele, ist maximal irgendwie „nerdiges Hobby“, aber nicht breit gesellschaftstauglich. Keine_r würde auf die Idee kommen, Blogs als Intellektuellen-Sidekick zu betrachten, dabei stehen da ja auch bloß Wörter. Das Buch an sich ist von alleine Accessoire der „Klugen“, völlig unabhängig davon, ob sich Weisheiten darin befinden oder bloß seichter Softporno, ob die Inhalte erfasst, gelebt werden.

Diese Romantisierung, Bibliophilie oder auch Bookshelfporn etc. sind nichts Neues. Und: Bücher (gut finden) kann man schon gut finden. Aber.

Zeige mir dein Bücherregal und ich sage dir, wer du vielleicht sein willst

Dein Bücherregal sagt mir nicht, wie intellektuell du bist. Sollte ich interpretieren, dann zum Beispiel, dass du mit 16 mal eine Phase hattest, wo du dich total krass von Hermann Hesse verstanden gefühlt hast, dass dein_e Ex dir sicherlich eine niedliche Widmung in „Der kleine Prinz“ geschrieben hat, du keine Hausstauballergie hast, mal eine harte Pratchett-Phase durchlebt hast oder dauernd blöde Romane zu Weihnachten kriegst, die du nie liest. Dass du dich schwer von Dingen trennen kannst, Dinge gerne sortierst und strukturierst, dass  du ganz wirklich irgendwann mal „Gödel, Escher, Bach“ oder „Das Kapital“ lesen wolltest.

Aber eigentlich sagt mir dein Bücherregal nur, dass du vermutlich genug Geld hast, dir Bücher zu kaufen. Dass du genug Platz hast, Bücherregale aufzustellen. Dass du im Studium Sachbücher kaufen konntest, statt sie zu leihen. Dass du Statussymbole wichtig findest und Intellekt einen wesentlichen Punkt zur Profilierung. Das ist Klassismus.

Ein paar Regalmeter Bücher sagen genauso wenig über Intellekt aus, wie eine Hornbrille, ein schwarzer Rollkragenpullover oder ein Moleskin-Notizbuch.  Sich gegenüber Teenagern und „Nicht-Intellektuellen“ abgrenzen zu müssen, sagt dagegen eine ganze Menge aus.

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Auch lesen:

Ohai S(h)elfies

Nach Selfie nun Shelfie, formerly known as shelfporn

Mein Focault hat mehr Eselsohren als deiner

Party am Mahnmal

 

18 thoughts on Was Beerdigungen mit Büchern zu tun haben

  1. Danke für den Text, vor allem für den ersten Teil, den ich wahnsinnig stark finde, auch weil ich den Vice-Text nicht lesen konnte, weil ich davon Brechreiz bekomme.

    Aber dein vorletzter Absatz ist ein weiterer Beweis dafür, wie wenig ein Regal über Menschen aussagen kann und wie unendlich groß der Interpretationsspielraum ist, wie missverständlich selbst Dinge sind, die eindeutig scheinen.

    Mindestens 90 Prozent meiner Bücher sind Geschenke (weil ich mir nie anderes wünsche), aus einem dieser Büchertausch-Umsonstregale, „Mängelexemplare“ und vom Flohmarkt. Ich habe weit mehr Bücher als Platz für Regale, stattdessen stapeln sie sich zusätzlich auf Fensterbänken, auf dem Boden und an der Toilette liegen auch immer welche. Als ich umziehen musste habe ich ungefähr die Hälfte verschenkt oder anderweitig entsorgt, mehrere Kisten, die noch im Keller standen, habe ich wegwerfen müssen, weil sie dort nass geworden und verschimmelt sind.
    Ich habe ein einziges Buch im Studium neu gekauft, weil ich musste, und ein Zweites weil ich zu doof war es in der Bibliothek zu finden, wenn ich es brauchte und außerdem zu viel Scheiße am Hals hatte, um ausgeliehene Bücher immer rechtzeitig zurückzugeben. Die Mahngebühren waren immer teurer als das Geld für die Bücher, die ich gebraucht gekauft habe, dazu der Riesenhaufen pdfs aus Scans und teilweise frei verfügbaren Texten. Ich werfe Bücher, die ich mag nicht weg, weil ich sie oft mehrmals lese oder Dinge darin (wieder)suche. Ich habe von den grob geschätzt >200 Büchern die hier stehen vielleicht 5 (noch) nicht gelesen.

    An meinen Büchern hängen nicht meine Identität, mein Status oder mein Intellekt, sondern mein Herz.

    Viel <3 und danke für die Verlinkung!

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    1. Außerdem habe ich mein eigenes Blog falsch geschrieben und wollte zu den verschimmelten Büchern noch sagen: „und habe bei manchen geweint, weil ich sie nicht ersetzen konnte“.

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  2. mmh… ich dachte die shelfies verulken das Wort selfies, das vor ein paar Tagen in England zum Wort des Jahres gewählt wurde. Dein Sprung zu den Funeraltumblrs, dein beherzter Einsatz für die Freiheit der Jugend sich abzubilden und deine Wut gegen Klassismus kommt für mich daher etwas unvermittelt.

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  3. Ich mag nunmal Bücher und möchte so viele wie möglich dauernd um mich haben. In meinem Elternhaus gabs nur einen knappen Meter Bertelsmann Buch des Monats. Mein Traum war immer eine eigene Bibliothek, und das ist weder intellektuell noch Klassismus (so ein Scheißwort wieder), sondern reine Emotion.

    Außerdem ist eine dichtgepackte Bücherwand ein effektiver Bogonenabsorber.

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    1. Das Sammeln von Büchern oder Bücherliebe sind nicht problematisch, ich hoffte, das auch klar gemacht zu haben.
      Nicht mal „Shelfies“ sind per se problematisch (auch wenn Schw*nzvergleiche, gerade bei Materiellem mir nicht sonderlich sympathisch sind).

      Problematisch ist Bücher = Intellektuell, Shelfies statt Selfies, also die damit einhergehende Abgrenzung.

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  4. Abgrenzung ist eine der Grundfunktionen des Denkens: ich muß das Eine von dem Anderen unterscheiden lernen, in Dies und NIcht-Dies. Abgrenzung ist ebenso Ich-Definition: ich bin, was nicht du bist. Ich glaube, du verwechselst das mit Ausgrenzung: jemand anderem eine Nicht-Zugehörigkeit einreiben. Und evtl auch mit Abwertung: weil ich anders bin, bin ich besser.

    Tatsächlich aber geht mir dieser neomoralische Konformismus gewaltig aufn Sack, ich erfahre das nämlich nur als Fortsetzung des früher erlebten „Wage es ja nicht, anders zu sein als wir, sonst aufs Maul“.

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    1. Natürlich ist mit der Abgrenzung in dem Fall auch eine Abwertung verbunden: Shelfies gehören den Intellektuellen (klar positiv konnotiert), Selfies den Anstandslosen, Verkommenen.
      Das hat mit Konformismus rein gar nichts zu tun, im Gegenteil, es geht ja darum, Diversität anzuerkennen, anstatt „das andere“ abzuwerten.

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  5. Danke. (Weil ich jetzt verstanden habe, worum es bei diesem Meme eigentlich geht, wegen des Passus zur (Ab)Wertung, und überhaupt.)

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  6. Pingback: Nach #Selfie nun #Shelfie (formerly known as Shelfporn) | Ti_Leo meint:

  7. Aua! Danke!

    Ich liebe meine Bücher!
    Sie sind meine ersten Freunde der Kindheit und sie sind auch heute noch der Stoff der mich fliegen lässt.
    Sie brauchen keinen Strom und kein Abspielgerät.
    Und trotzdem kann ich alte Kulturen erleben(Grabungsberichte) oder einen Rundflug durch die Galaxies machen.
    Da ist nichts intelektuelles dran.
    Das ist einfach mein Hirn und Seelenfutter!

    Zum Danebenbenehmen in Gedenkstätten, Museen und Gotteshäusern:

    Keine neue Erscheinung.

    Solche bescheuerten Vollhonks die sich mit ihren „Gehabe“ ach so Cool vorkommen. Gab es und wird es wohl immer geben.
    Da ist es an uns, diese Leute mit wohlgesetzten Worten (eiskalt und unter der Gürtellinie wirkt am besten…) zu bedeuten das ihr infantiles Verhalten nicht angebracht ist.

    Als ich ein Kind war, hatte mein Herr Papa solche Halbstarken(altertümlicher Ausdruck. Ich weis. Aber er passt, wie Faust aufs Auge.) aus Museen und Gotteshäusern gekehrt.
    Heute bin ich diejenige die „kehrt“.
    Nennt mensch wohl den Lauf des Lebens…
    Witzigerweise, sind viele von diesen „Helden“ nachm kleinen Anpfiff doch sehr zahm und einsichtig…

    LG
    Wachkatze
    (die es nur mit ihren Büchern gibt!)

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  8. Der Klassismus-Link führt zu einem Artikel der sich (aus gutem Grund) GEGEN den „Klassismus“-Begriff wendet…

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  9. Pingback: Anschluss und Ausschluss | H I E R

  10. Pingback: Protokoll vom 23. November 2013 « trackback.fritz.de

  11. Haha, oh man.. 😀
    Dass es um Liebe zu Literatur gehen könnte, dass man sich darüber freut ein schönes Bücherregal mit tollen Büchern zu haben – interessant, dass Du darauf nicht kommst.
    Wenn ich mein Bücherregal fotografieren würde, dann eben aus dem Grund, dass ich diese Bücher liebe, und nicht um damit zu protzen, dass ich eine Wohnung habe in der ein Regal reinpasst.. (wow, irre krasser Status)

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    1. Es ging darum, dass dieses Meme mit „Der Selfie der Intellektuellen“ gestartet wurde.

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  12. Pingback: Iron Blogging Woche #5 | Flauscheria

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