Jedem Ende wohnt ein Zauber inne

Note: Ich und @kapuzenauf schreiben über persönliche und strukturelle Aspekte von Kündigungen

 

Über das Kündigen

Kündigen geht ganz schnell. Ein paar Zeilen aus irgendeinem Online-Generator kopieren, ausdrucken, Vorgesetzten auf den Tisch legen, Resturlaub beantragen, fertig.

Kündigen ist ein unendlich langwieriger Prozess. Ich wusste schon vor zwei Jahren, dass mein Job mir nicht gut tut. Weder auf einer inhaltlichen, noch auf einer fachlichen Ebene. Auf einer „persönlichen“, emotionalen Ebene. „Aber ist ja nur Teilzeit, das lässt sich ganz gut absitzen.“. Letztendlich haben sich die Atteste gestapelt, weil krank macht, was krank macht.

„Such dir halt was anderes“ oder „kündige halt, wenn es so schlimm ist“ oder „wer mag schon seinen Job“ oder „Arbeiten muss man eben“ oder oder oder (…) hab ich ziemlich oft gehört. So einfach war das nicht. Die Hand, die einen füttert beißt man nicht und so muss im Kapitalismus lächelnd und dankbar jede Demütigung ertragen, jede Unzufriedenheit ausgesessen, jeden Morgen aufgestanden werden. Für Miete, Lebenslauf und Vaterland.

Im Internet werden immer wieder Menschen auf Held_innen-Podeste gehoben, die mit irgendwelchen kreativen, extremen Inszenierungen und Aktionen kündigen, beispielsweise via gekapertem Twitteraccount, Whiteboard, oder mit Pauken und Trompeten einer Band. Vermutlich wären viele gerne selbst so mutig und findig. In einer solchen Situation mit Humor und Kreativität kontern zu können ist sicherlich bewundernswert, aber wohl die Ausnahme. Normalerweise ist selbst durch das unmittelbare Umfeld bei Kündigungsabsichten wenig mit bedingungslosem Support, vielmehr mit zahlreichen Bedenken und/oder gar Vorwürfen zu rechnen. [Absatz editiert, 16.12]

 

Ihr seid nicht frei ihr glaubt nur dran“ – (Toxic Walls)

Aus dem Grundgesetz: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“ & „Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.“

Das „frei“ im Grundgesetz ist ein zynisches, die Wahlmöglichkeiten eine Farce. Kapitalismus verkauft leider keine Jobs. So kann ich selbst mit beachtlichen Investitionen in „Schulbildung“, „berufliche Bildung“ oder ganz generell Lebenszeit, nicht „frei“ auf Jobs zeigen, die ich gerne to go hätte.

Die sogenannte „Grundsicherung“ Hartz Fear enthält bewusst so viele Unsicherheiten wie möglich, schafft Druck, Angst und Existenzminimum, das gar nicht allen Bedürfnissen gerecht werden kann und soll. Selbst wenn ein Jahr Arbeitslosengeld I mit 60% des eigentlichen Lohnes zusteht: Das ist nicht nur viel zu schnell vorbei. wer selbst kündigt, wird erstmal für drei Monate von den Leistungen gesperrt.

Das ist kein Zufall, damit werden Sachzwänge geschaffen, die dazu führen, dass unzumutbare Situationen ausgehalten werden, obwohl sie dauerhaft seelische und/oder körperliche Krankheiten oder schwer erträgliche, auslaugende Lebensrealitäten hervorrufen. Es geht nicht spurlos an dir vorbei, wenn du täglich über deine Grenzen gehst. Abhärten oder Aushalten-können sind keine erstrebenswerten Zustände, sie gehen einher mit dem Abschalten oder Verwischen der eigenen Grenzen. Damit der tägliche Schmerz durch ein Überschreiten dieser nicht so weh tun, so präsent sein muss.

Lebenslauflücken sind unberechenbar in ihrer Länge und Rezeption und tun ihr übriges dazu, dass Menschen in Lohnarbeits-Situationen verharren, die über das Maximum dessen hinausgehen, was sie abfedern oder durch Freizeit- und Urlaubsphasen ausgleichen können. Weil ein aus-dem-Elend-aussteigen ein Hineinbegeben in eine Abwärtsspirale bedeuten kann (und auch mitunter soll – „Fordern und fördern“, SGB2, Kapitel 1). Das ist kein individuelles Problem, sondern ein gesellschaftliches.

 

Das Problem ist das System, ja

Strukturelle Gewalt: Überbegriff für Formen indirekter Gewalt und Zwänge, die in den herrschenden gesellschaftlichen, innerstaatlichen oder auch zwischenstaatlichen Verhältnissen begründet liegen. Sie ist weniger Ausfluss persönlicher Willkür als logische Konsequenz von soziopolitischen wie sozioökonomischen Systemen, Ideologien, Ordnungen und Gesetzen. Opfer von struktureller Gewalt, die durch Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Unterdrückung, Diskriminierung, Ausgrenzung etc. gekennzeichnet ist, sind nicht Einzelpersonen sondern ganze Gruppen oder Völker. Sie liegt vor, wenn staatliches oder politisches Handeln nur einseitig den Interessen bestimmter Teile der Gesellschaft bzw. bestimmten Staaten zugute kommt. – (Quelle)

Nicht nur Leidensfähigkeit ist im Kapitalismus ein wesentlicher Skill und so habe ich viel ertragen, ausgehalten, relativiert und beschönigt, bis der Punkt erreicht war, an dem ich meine Kündigung abgeben konnte. Der Entwurf dafür lag schon fast ein Jahr auf meinem Desktop. Letztendlich hat eine Kleinigkeit gereicht, damit ich endlich genug Wut in mir hatte, meine Ohnmacht damit zu übertünchen. Ich wachte eines Tages auf und wusste, dass ich heute kündigen würde. Und dann habe ich es durchgezogen. Mit Nerven- und Händeflattern, Augen zu und durch. Weil der Abgrund einer ungewissen Zukunft weniger schlimm war, als der Gedanke, mich da weiterhin Tag für Tag hin zu zwingen. Das hat nichts mit Mut zu tun, sondern mit Schmerzgrenzen und einer orientierungslosen Flucht nach vorne.

„Auswirkungen struktureller Gewalt werden von den Betroffenen oft gar nicht als unmittelbare Gewaltakte wahrgenommen, sondern als „Sachzwänge“ hingenommen.“

Losgekoppelt von menschlichem Wirken wabern sie unsichtbar als Gesellschaftsstruktur im Subtext des eigenen Lebens herum, als Hintergrundgeräusch, dessen Auswirkungen zwar spürbar sind, aber als Status Quo hingenommen werden, weil sich Verantwortliche nur schwer benennen lassen. Betroffene internalisieren ihre Mit_Schuld, weil sie es ja bloß nicht hart genug versucht haben. Das Umfeld betreibt ebenso Victim-blaming, ein Verantwortlich-machen der Betroffenen für die eigene Situation: „Wer arbeiten will, findet Arbeit.“ „Jede_r ist ihres eigenen Glückes Schmied“ (…)

Weil “das System” so unsichtbar und diffus im Hintergrund agiert und als Schuldursache schwer benennbar ist. Wer zu dem Schluss kommt, dass Betroffene selbst verantwortlich sind, muss sich nicht damit auseinander setzen, dass ihre Situation eine ist, in die man selbst auch geraten könnte oder möglicherweise schon mittendrin steckt. Ein Arbeitsalltag von 8-21 Uhr lässt sämtliche menschlichen Grundbedürfnisse unbefriedigt. It’s not rocket science.

Aber…was soll ich denn jetzt machen?

„Was klar gestellt werden muss, ist, dass es sich hier nicht um eine Krise von individuellen Wahlmöglichkeiten handelt. Sondern um ein Versagen des Systems, innerhalb höherer Bildung und außerhalb. Es ist eine Krise der manipulierten Erwartungen – Erwartungen daran, welche Art von Arbeit ‘normal’ ist, welche Art der Behandlung tolerierbar ist, und welches Level von Aufopferung erträglich ist. (…) Menschen können immer eine Wahl treffen. Aber die Wahlmöglichkeiten der ArbeiterInnen heute sind zunehmend begrenzt. Überleben hängt nicht nur von finanziellen Mitteln ab, sondern auch von Mentalität – davon, nicht Pech mit einem schlechten Charakter zu verwechseln, und Gelegenheiten, die nie wirklich existiert haben, für verpasste Gelegenheiten zu halten.“ – (stümperhaft übersetzt aus Surviving the post-employment economy)

Die Realisierung, sich in einem Hamsterrad zu befinden, kann an sich schon befreiend sein. Das Wissen, dass ein Kausalzusammenhang zwischen Arbeit und einem potentiellen Erfolg nur begrenzt existiert, kann erdrückende Situationen erleichtern. Das bedeutet aber nicht, dass es für jede_n so einfach möglich ist, Konsequenzen zu ziehen und aus dem Hamsterrad auszusteigen.

Das System hält für Aussteiger_innen einen speziellen Ort in der Hölle parat, der in Form von sozialen Stigmatisierungen, finanziellen Unsicherheiten, Repressionen vom Jobcenter auf sie hereinprasselt. Nicht zu vergessen: Got to eat to live. Ein Ausstieg setzt voraus, dass negative Auswirkungen seelisch und finanziell oder durch das unmittelbare Umfeld (“Bedarfsgemeinschaft”) abgefedert werden können. Geschaffen wird so eine Situation, der sich viele nicht freiwillig ausliefern möchten oder können.

Universallösungen existieren im Umgang mit Lohnarbeit und ihren Auswirkungen nicht. Äußere Veränderungen oder Veränderungen des eigenen Umgangs mit dem Äußeren können, müssen aber nicht, hilfreich sein. Aber: Es gibt oft mehr Loopholes als man denkt, wenn man erst mal danach zu suchen beginnt. Wichtig ist, wie so oft: Eigene Grenzen kennen_lernen und setzen, wissen, wieviel (gut) ausgehalten werden kann, und versuchen, zu lernen, die Reißleine spätestens dann zu ziehen, wenn der freie Fall eigentlich bereits im Gange ist. Und, auch wenn es sehr schwer fallen kann: Nach Hilfe fragen_lernen.

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