I do not hate Skyler White

Content Note: Artikel enthält Spoiler, thematisiert verschiedene Gewaltformen, auch sexualisierte Gewalt. 

Wie immer einige Jahre zu spät für heiße, popkulturelle Themen, habe ich erst kürzlich die Serie „Breaking Bad“ abgeschlossen.Das hat den Vorteil, dass es bereits ein eingespieltes Fandom gibt, das zeigt, wieviel eine Serie wirklich taugt. Innerhalb dieses Fandom sind sich alle einig: Egomane, Schulkinder mordende Crystal-Köche: Supercool. Ehefrauen, die versuchen, in diesem Fahrwasser klarzukommen: Superuncool.

Nun sollte es vielleicht nicht überraschen, dass in einer misogynen Gesellschaft misogyne Dinge über weibliche* Rollen losgelassen werden. Die Rolle der Skyler White wird jedoch als „Eine der meistgehassten Serienfiguren jemals“ gehandelt. Die Schauspielerin selbst, Anna Gun, äußerte sich zu dem Hass, den sie für ihre Rolle und auch persönlich erfahren musste:

At some point on the message boards, the character of Skyler seemed to drop out of the conversation, and people transferred their negative feelings directly to me. The already harsh online comments became outright personal attacks.

Hasskampagnen gegen Frauen* sind so alltäglich, mitunter mit einer solch absurden Vehemenz geführt, dass sie mich eigentlich nicht mehr überraschen können. Was mich an Skyler White speziell überrascht, ist die völlige Dissonanz zwischen den Geschehnissen in der Serie und mit der Rolle und ihrer Rezeption.

Skyler wird gerne als nervige, unsympathische „Bitch“ dargestellt, die ihren heldenhaften Versager-Mann hängen lässt und überhaupt die ganze Zeit moralisiert. Dabei hält sie die meiste Zeit schön brav die Fresse oder merkt zaghaft ein „Du, das find ich jetzt nicht so gut.“ an, während ihr Mann sich eine Karriere als massenmordender Drogenkoch aufbaut. Sie geht nicht zur Polizei, sie schickt den Sohn nicht aufs Internat, sie wirft ihm die „Bitte“, sein Geld zu waschen nicht um die Ohren, sie lässt sich nicht scheiden.

Dabei ist die Rolle der Skyler von Anfang an der Gewalt durch ihren Mann ausgesetzt. Schon zu Beginn der zweiten Staffel versucht er, sie zu vergewaltigen. Das ist in der Folge kein richtiges Thema und auch danach nie wieder. Ich schätzte Breaking Bad eigentlich dafür, wie subtil die häusliche Gewalt und Abhängigkeit gezeigt wird: Keine überzogenen Splatter-Drama-Momente sondern eine realistische, schleichende Bedrohung aus dem Hintergrund. Die Betroffene reagiert nicht, wie das gemeinhin von Betroffenen erwartet wird (Wegziehen, nochmal zur Polizei gehen, obwohl die keine Handhabe hat, zurückschlagen… ), sondern er_trägt die ganze Serie über die destruktiven Machenschaften ihres Mannes. Offenbar für das Publikum zu subtil.

Ja Himmelarsch und Zwirn, da wird die olle Schlampe jawohl mal den Bacon des Hausherrn etwas liebevoller anrichten können! Der hat schließlich Krebs und äh, vergiftet ja nur zum Wohle seiner Kinder andere Kinder! Der Typ lässt zwar nicht zu, dass sie sich scheiden lässt und zieht nach der Trennung einfach wieder ins gemeinsame Haus, aber dass Skyler dann mit einem Kollegen vögelt, weil sie nicht weiß, wie sie den Tyrannen sonst loswerden soll, geht wirklich zu weit, wie konnte sie ihm das antun?? Und ja wie, da kriegt die blöde Sau einfach Depressionen? Ihr Mann hat Krebs! Mal zusammenreißen! Als Hochschwangere den Mann davon abhalten wollen, mit den Kumpels chemische Drogen herzustellen? SO nervig! Kackmoralapostel immer! Die Kinder vom gewalttätigen Gangsterumfeld fernhalten wollen: Buhh, Walter „versorgt“ seine Lieben ja schließlich schon mit tonnenweise Blutgeld! Echt ey, einfach unerträglich, und überhaupt ist das ja auch die Antagonistin und SOLL deswegen gehasst werden, sie dient nicht etwa dazu, den Wahnsinn des Antihelden Walter zu kontrastieren!

Wenn man die Hauptfigur nur oft genug „Ich tue das für die Familie!“ sagen lässt, glaubt der Zuschauer das offenbar irgendwann. Dass ganz am Ende dann auch für die Langsameren aufgelöst wird, dass ers – Oh! – doch für sich, sein Ego, seine Geldgier und for fun getan hat: Interessiert eigentlich niemanden.

3 thoughts on I do not hate Skyler White

  1. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » #feministsarehot, #schauhin, Breaking Bad – die Blogschau

  2. Also, ich glaube, dass Skyler gerade deswegen gehasst wird, weil sie „schwach“ alles erträgt. Sie könnte gehen, tut es aber nicht, weil damit auch ihr Ruf beschmutzt würde und ihr Leben massiv an Qualität einbüßen würde. Sie lässt sich dominieren. Sie nutzt gerade soviel Handlungsspielraum, wie sie von den Autorinnen bekommen hat, um die Heldenposition ihres Mannes nicht infrage zustellen. Die nicht-Hass-Variante: gehen oder mehr mitmachen. Ihr Mitmachen ist nicht Glam genug und kommt eben auch nicht ohne Meckern aus, welches üblicherweise die Position der Schwächeren markiert.

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    1. Am Anfang der Serie war die Ehe ziemlich eingeschlafen (Es ist dein Geburtstag Schatz, ich hole dir noch schnell einen runter, während ich voll auf Ebay mitfiebere). Walt war der „solide“, intelligente aber langweilige Ehemann, der Millionär hätte sein können aber darin kläglich versagte und nun sein Leben als unterbezahlter Lehrer mit Zweitjob als Autowascher fristen muss. Ein Mann, den sie irgendwie schon liebt aber auch als eine Art Weichei und Verlierer beurteilt.

      Sie war dann über weite Strecken die eifersüchtige Ehefrau, die ihrem – ihr damals lediglich als krebsgebeutelten Mann bekannten – Ehemann bei jeder Unregelmäßigkeit im täglichen Trott nachspioniert. Vielleicht weil Walt ja ein berechenbarer Langweiler ist und immer nur eine starke Person – eine andere Frau – dahinterstecken konnte. Es gab zwar ab und an gute Gründe für Mißtrauen, das war aber nicht immer so. Hier schwingt vielleicht auch das schlechte Gewissen über ihre eigene Haltung zu ihm und ihre Situation mit.

      Sie scheint deshalb auch, als als Grund sein radikaler Lebenswandel bekannt wird, einerseits zuerst vernunftbedingt abgestoßen aber im weiteren Verlauf auch zunehmend davon angezogen zu werden, bis sie dann merkt, dass das ganze zum Scheitern verurteilt ist, weil der Walt, den sie ursprünglich mal liebte einfach nicht mehr existiert.

      Das macht die Serie und ihre Rolle aber umso vielschichtiger und interessanter, was ohne diese Figur nicht so gewesen wäre.

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