Brave Miss World

Auf Netflix gibt es die Dokumentation „Brave Miss World“ jetzt neu mit deutschen Untertiteln und ich habe sie mir am Wochenende angesehen.

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TW: r*pe
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Linor Abargil gewann mit 19 Jahren für Israel den Titel der Miss World. Nur sechs Wochen zuvor war sie Opfer einer Vergewaltigung einschließlich Waffengewalt durch einen fast Fremden geworden. Die Dokumentation setzt viel später an und möchte einen Leidensweg mit anschließender Phönix-aus-der-Asche Befreiungs-Metapher konstruieren.

Linor fährt dann im Reality-TV-Format brav die Stationen der Tat ab, spricht mit Justiz-Mitarbeitenden, die sich nach 10 Jahren natürlich noch detailliert und einfühlsam erinnern, hat diesen super Boifriend und den super BFF und auch noch eine engagierte Mutter im Gepäck und ist auch die ganze Zeit sehr schön und eben mutig. Was ihr zugestoßen ist, gibt eine anständige Geschichte her, macht es leicht, ein „gutes Opfer“ zu zeichnen. Eine Sozialarbeiterin weißt daraufhin, dass sich nicht alle derart erheben können. Die leise Subtilität von Beziehungsgewalt oder Missbrauch durch Erziehungspersonen, strukturelle Aspekte oder Statistiken bleiben ansonsten weitgehend unausgesprochen. Als Linor nach Südafrika eingeladen wird, dürfen die Mädchen einer Einrichtung für Überlebende zwar sagen, dass sich niemand für ihre Geschichte interessiert, die immer wieder eingeblendeten Betroffenenberichte bleiben im weiteren Filmverlauf aber bis auf einmal weißen Frauen vorbehalten.

Dass sich der Film und auch ihr Umfeld eigentlich auch nicht für Linor interessiert, wird klar, wenn das alleinige Interesse ihrer „Stärke“ und ihrem „Aktivismus“ gilt und sie ganz Gefäß für die Geschichten anderer Frauen wird oder das regungslose Jahr nach der Tat ein Halbsatz bleiben muss. Als Linor gläubige Jüdin wird, ist das Hauptproblem des super BFFs, dass er sie nicht mehr anfassen darf und die ihres super Boifriends, dass der Ausschnitt des Hochzeitskleids zu züchtig ist – die Dokumentation verzichtet nicht darauf, Bikini-Fotos von Linor einzublenden und festzuhalten, dass sie nicht mehr die Selbe ist.

Ich empfehle den Film trotzdem. Bilder, wie Linor, die ganz alleine auf der Bühne steht und von der Tat berichtet, während irgendeiner Charity-Gesellschaft die Vorspeise serviert wird, eine schlicht weinende Fran Dresher („Die Nanny“), eine Helferin, die nicht glauben konnte, dass eine so schöne Frau vergewaltigt wird oder ein Vater, der offen in die Kamera sagt, dass er sich für Linor schämt, skizzieren zumindest oberflächlich andauernde Kämpfe und Stigmata von sexualisierter Gewalt.

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