Flüchtlingskrise 2015 – Ich war dabei

Johlende, klatschende Menschen stehen in Hamburg Spalier, als der „Train of Hope“ ankommt, live auf  Periscope mitgeschnitten. Eine BBC-Reporterin in München ruft den Flüchtenden „Welcome to Germany! How do you feel?“ zu, als kämen sie von einer Mars-Mission und nicht aus Krieg und zuletzt Verwahrung, als seien sie nicht auf einer sehr langen, anstrengenden und andauernden Flucht auf dem Weg zu: Mehr Verwahrung, Zwangsverteilungen oder Abschiebung.

„Am Hauptbahnhof in München, Gleis 26-36, wo eigentlich die Regionalzüge eintrudeln, warten etwa 150 Menschen hinter Absperrgittern. Sie stehen da wie Fans, die einen Popstar oder einen Fußballclub herbeisehnen.“  „Freude schöner Götterfunken“, taz 

Ähnliche Szenen finden auch in Frankfurt statt, von einer „epischen Reise“ ist die Rede.

Die Flüchtenden werden mit frenetischem Jubel und Wohlstandsmüll überschüttet, bekommen Pappteller mit Bonbons entgegen gestreckt, Decken und Pullis übergeworfen, als kämen sie aus dem Boxring, obendrauf gepackt werden acht Plüschtiere, persönlich übergeben von deutschen Kleinkindern, die hier noch etwas lernen können. Vielleicht, dass die paar Hundert, die zufällig die „Tage des offenen Korridors“ erwischt haben und nicht schon im Krieg, im Mittelmeer oder in LKWs gestorben sind, jetzt von guten Deutschen befreit und gerettet wurden? Schon wird danach gerufen, „Syrien zu bombadieren“, im Rahmen der „Fluchtursachenbekämpfung“ und im Namen von Aylan Kurdi.

Flucht und die Flüchtenden werden romantisiert, eventisiert, instrumentalisiert, fotografiert und monetarisiert. Objekte, an denen die eigene Größe oder „soziale Ader“ bewiesen werden kann. Über all das gemeinschaftliche Gemenschel und das patriotische Spätsommermärchen wird gern ignoriert, dass jedes Festivals oder Fußballspiel einen größeren logistischen Aufwand erfordert, als einige tausend Menschen institutionell und angemessen zu versorgen.

Lächle, als hätte niemand dein Haus in die Luft gejagt

 

„Ein Lächeln ist Dank genug!“ informieren die engagierten Helfenden so ungefragt wie bereitwillig über ihre Motive. Lächle, als hätte niemand dein Haus in die Luft gejagt und deine Mutter getötet. Als gäbe es keinen ISIS, keinen Assad, keine militärisch bewachten Grenzzäune, keine Festung Europa, kein Frontex, kein Massengrab im Mittelmeer,  keine überfüllten Lager und Camps, keine Genitaluntersuchungen an Minderjährigen, keine rechten Anschläge und gezielte Re-Traumatisierungen, keine besorgten Bürger, kein Kaltland, kein „Dunkeldeutschland“, keinen Rassismus, keine Ausbeutung und Armut, keine Waffenlieferungen, kein kapitalistisches oder staatliches Kalkül, keine Mitverantwortung.

Das Bild von unkontrollierten, bedürftigen Massen und einer gigantischen Herausforderung, die jedoch gemeinsam als „starke Zivilgesellschaft gestemmt“ werden kann, manifestiert sich in einer bizarren Euphorie und „Hoffnung“, die beschworen wird, denn, so zeigt sich aktuell ja „Wir (Deutschen) sind doch gar nicht so.“, oder auch: „Es gibt sie noch, die Guten.“.

 Es lebt diese Hilfe bei allem Mitleid von der Gleichgültigkeit gegenüber diesem Status. Sie rechnet es sich hoch an, im Flüchtling auch den Menschen zu sehen und affirmiert damit den Zustand seiner institutionalisierten Hilfsbedürftigkeit“- „Politiker fordern eine „Willkommenskultur“ für Menschen, die sie massenhaft abschieben wollen. Wie das?“ – GegenRede, Freerk Huisken

Auch bleibt die langjährige Arbeit von antifaschistischen Aktivist_innen, (ehemaligen) Refugees, Non Citizen, People of Color unerwähnt und ungezeigt. Dabei sind es jene, die beispielsweise in Düsseldorf oder Heidenau Nazis in ihre Schranken verweisen und tragfähige Strukturen schaffen, die auch in den nächsten Monaten und Jahren noch nichtstaatliche Unterstützung und Schutz für Refugees gewährleisten, wenn es kalt in Deutschland wird und niemand mehr Luftballons aufbläst und klatscht.

12 thoughts on Flüchtlingskrise 2015 – Ich war dabei

  1. Ist ja gut und schön, eventuell sogar richtig … Aber was ist die Alternative? Zuhause bleiben und es von da aus gut finden?
    Unsere Gesellschaft ist „eventisiert“, schon seit Jahren.
    Was ist falsch daran, die Eventgeilheit für einen „guten Zweck“ zu nutzen, auch wenn konkrete Hilfe natürlich anders aussieht?
    Ich meine, ohne diese Öffentlichkeit würden die pegida und afd Spacken ja glauben, sie wären mit ihrer Meinung in der Mehrheit. So sehen sie wenigstens die echte Öffentlichkeit und trauen sich evtl. nicht mehr aus den Löchern. Ich bin da Optimist.

    „Lächle, als hätte niemand dein Haus in die Luft gejagt und deine Mutter getötet.“
    Stattdessen „Weine, weil du nach monatelanger Flucht endlich in Sicherheit bist.“? Naja… Man muss ja auch nicht immer an sein Elend erinnert werden oder?

    Dein letzter Absatz ist wichtig:
    Wenn das Event „Flüchtlingshilfe 2015 – jetzt auch in deiner Stadt“ vorbei ist, wer hilft dann noch? Eben die, die schon immer geholfen haben und nicht die Partyhelfer. Aber vielleicht bleibt ja auch von denen der eine oder andere dabei?! Man kann doch hofffen. Ich bin da Optimist, wie gesagt.

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  2. Was für eine bizarre Misinterpretation der Wirklichkeit. Hier engagiert sich die Zivilgesellschaft, die sich abgestoßen fühlt von einer handlungsunwilligen Politik und von rassistischen Übergriffen vor Flüchtlingsheimen. Hier inszeniert sich nicht ein entmenschlichtes Deutschland seinen Patriotismus, sondern im Gegenteil: Individuen setzen ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, weil sie nicht den Rassisten das Feld und die Deutungshoheit überlassen wollen.

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  3. Hallo,
    ich habe deinen Text als Link in vielen Facebook-Gruppen und -Seiten geteilt. Ich finde ihn nicht komplett gut, aber hoffe ihn mit meinem teilen auf FB zu der aktuellen Debatte hinzufügen zu können. Wenn du noch ein paar Ideen – und seien es noch so wilde oder kreative Ideen – beschrieben hättest, wie z.B. die Menschen anders mit der Situation am Wochenende hätten umgehen können oder wenn du deine Alternativlosigkeit eingestanden hättest, dann fände ich deinen Text wohl komplett super. So aber macht er stellenweise genau den Eindruck eines nörgelnden Gutmenschen, welcher vom Sofa aus oder vor dem Computer andere für ihre Handlungen kritisiert. Vermutlich war das jedoch nicht deine Absicht, solch einen Eindruck zu vermitteln?

    Was ich mich vor allem frage und worüber ich mir auch einige deiner Gedanken in dem Text da oben gewünscht hätte, wie es nun dieser Welle der Spendenbereitschaft von Altkleidern, altem Spielzeug, alten Kinderwagen, neuen Hygenieprodukten, usw. weitergehen wird – wird sich das umwandeln in Deutsch-Sprachunterricht, begleitete Behördengänge und gemeinsame Nachbarschaftsfeste oder kehren alle zum alten Trott zurück?
    Wenn diese Frage oder Sorge in deinem Text auftauchen würde, hätte er mir komplett gut gefallen. SO bleibt mir nur, auf eine Fortsetzung von dir zu hoffen und zu warten oder selbst zur Tastatur zu greifen – dazu komme ich hoffentlich bald…

    Ich habe noch nicht viele Kommentare zu deinem von mir geteilten Text erhalten, bislang nur diesen hier: Zitat: „solche Artikel, wie der oben machen es einem aber echt schwer, noch irgendetwas Gutes in irgendeinem handeln zu sehen.“ /Zitat Ende.

    Danke für deine Zeilen, sie tauchen hoffentlich möglichst überall in der Debatte auf.
    P.

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    1. So regt der Text jedoch zum Nachdenken an. Ich bin überzeugt, dass eine berechtigte Kritik oder auch ein Blick von einer anderen Richtung aus nicht bereits mit Lösungsvorschlägen präsentiert werden muss. Sie darf auch erstmal Kritik sein. Jede Kritik regt, wenn Menschen offen dafür sind, zum reflektieren an und bietet die Möglichkeit, Lösungen auch selbst (mit) zu entwickeln.
      Ich glaube, es könnte für weiße Leute in Deutschland ein Anfang sein, sich tiefgründig mit Kritischem weißsein auseinandertzusetzen, der eigenen Verantwortung und den eigenen verinnerlichten Rassismen. Diese werden durch die letzten Tage und das viele Kommentieren zu „Empathie“ auch überdeckt. Fast so, als könnten weiße endlich mal aufatmen: puh wir ham jetzt mal was geil gemacht. Auseinandersetzung mit der eigenen Beteiligung an Strukturen ist „anstrengend“.
      Ferner kann auch noch Hilfe geleistet werden, die nachhaltiger ist, als eine Begrüßung am Bahnhof. Es werden ehrenamtliche Vormundschaften gesucht für Unbegleitete Minderjährige Geflüchtete, es wird sicher in jeder Stadt Hilfe benötigt, die über die Spende von übrig gebliebener Einschlungs-Schokolade oder Klatschen am Bahnhof hinaus gehen. Damit wird die Versorgung und damit absolut notwendige Hilfe von Refugees, wie zb. Lageso in Berlin, in diesem Text ja nicht als weniger wichtig erklärt, ganz im Gegenteil.

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  4. die rede von „waffenlieferungen“ und „kapitalistischem Kalkül“ plaudern schon aus, was der letzte absatz dann unmissverständlich klar macht: dass es mit der kritik hier nicht so weit her sein kann. schlimmer: der letzte absatz verrät die sehr richtigen beobachtungen: statt deutschland sähe man lieber sich selbst, genauer: sein revolutionäres kollektiv profiliert, das unbedingt natürlich umso revolutionary ist je sichtbarer und unterdrückter es gemacht werden kann. stiehlt einem der staat hier doch tatsächlich das revolutionäre subjekt, das ist ganz offensichtlich genauso dumm wie „deutschland einig helferland“ (bild zeitung), mehr noch: es ist in der form exakt der gleiche dumme move mit der hauseigenen sichtbarmachung askriptiver merkmale. man ist sich nicht wohl dabei, merkt es, aber verdrängt, dass man sich nur dem staat andient und praktisch vollkommen auf linie liegt, ideologisch nur anders verballert.

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  5. Sorry, aber ich finde du machst die Flüchtlinge genauso zum Objekt deiner Ablehnung des Wohlfühl-Mainstreams und rechnest über deren Köpfe mit diesem Deutschland ab. Damit ist niemandem geholfen. Natürlich ist es nicht mit klatschen und schoki und kuscheltieren getan, ist doch klar, weiß doch jeder.ich glaube auch, dass die Flüchtlinge sich schon darüber gefreut haben. Die Ernüchterung im Kampf ums Bleiberecht wird leider kommen. Das Zitat von freerk huisken bringt das ganz gut auf den Punkt.

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  6. ich finde den Aspekt, den Du einbringst, sehr interessant. Das Klatschen find ich selber eigenartig (das Willkommenheißen dagegen nicht).
    Was ist aber mit all den „nicht-weißen“ Helfer_innen, die zum Beispiel als Dolmetscher_innen tätig sind? Etliche von ihnen sind selbst Flüchtlinge gewesen. „Eventisieren“ sie sich selbst?

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  7. Pingback: antiprodukt: Flüchtlingskrise 2015 – Ich war dabei

  8. Anti,
    das schöne Foto mit den „süßen Menschen“ zeigt MICH am 4.8. am Flughafen Berlin Tegel. Ich nehme da Baderkhan (86) und Khaji (71) in Empfang; zwei alte Menschen, für die ich im Rahmen der Landesaufnahmeprogramme Anfang Mai eine sogenannte Verpflichtungserklärung abgegeben habe. Ich übernehme damit alle Kosten ihres Lebensunterhaltes und ihrer Miete etc, stelle den Staat von diesen Kosten frei. Meine Verpdlichtung ist nicht widerrufbar und gilt unbefristet – und war der einzige Weg, diese Leute aus Syrien mit Visum und im Flugzeug herzuholen, statt sie der Hölle des Mittelmeeres zu überantworten.

    Mit anderen habe ich die „Flüchtlingspaten Syrien e.V.“ auf die Beine gestellt. Wir sammeln per Crowdfunding monatliche Beträge ab 10 € ein, 980 Menschen bringen so bereits 24.000 € monatlich zusammen. Mit dem Geld finanzieren wir den Lebensunterhalt der Hereingeholten auf unbestimmte Dauer; rund 20 Leute haben mit dieser Sicherheit im Rücken seitdem eine Verpflichtungserklärung unterschrieben oder sind dabei. Bis zum Jahresende werden wir 50 oder mehr Menschen aus direktem Wege aus Syrien herausgeholt haben; meist Alte, Kranke und Kinder. Hier in Berlin wartet unser medizinisches und psychotherapeutisches Netzwerk; 20 Ehrenamtliche geben tägliche Sprachkurse, wir mieten und möblieren Wohnungen.

    Unsere Arbeit ist der derzeit einzige legale Weg raus aus Syrien; die Programme drohen dichtgemacht zu werden; in NRW, Niedersachsen und BaWü war das bereits der Fall; um Bandenburgs und Berlins Programme kämpfen wir noch.

    Ich verstehe die Absicht des Posts, aber das Foto von mir, Baderkhan und Khaji taugt meiner Meinung nach nicht zur Bebilderung, und ich finde Deine in einen falschen Zusammenhang gestellte Verwendung auch nicht in Ordnung. Mir machen Flüchtlingspolitik aus Bürgerhand; das bisschen, was noch geht – ich stelle mich da gern jeder fundierten Kritik. Herzlich, Martin

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  9. Dankeschön für diesen Text. Ich wollte mich eigentlich in der Flüchtlingshilfe engagieren, habe aber keine Erfahrung und hätte bestimmt vieles falsch gemacht, z.B. eine Decke überreicht und nicht gemerkt, daß das Wohlstandsmüll ist. Und schon in einer nicht stressigen Situation würde ich bestimmt nichts druckreifes sagen können, wenn ich auf einmal gefilmt würde. O.o

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  10. Wenn Flüchtlinge auf dem Bahnhof ankommen, sollte man lieber zuhause bleiben, und Pegida und der Polizei die Begrüßung überlassen, als durch freundliche Hilflosigkeit die ganze fundamentale Schlechtheit dieses Landes zu überdecken.
    Wie sollen die Flüchtlinge beim Blick aus dem Zugfenster schließlich merken, wie Kacke die Deutschen sind, wenn sie nicht mit Tränengas begrüßt werden?
    Leuten helfen, die Angst haben und erschöpft sind, ist ja sowas von affirmativ.

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  11. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Migrationshintergrund am Arsch, Fatshaming im TV, Hilfe für’s Ego – die Blogschau

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