Was Appelbaum und die Klotür gemeinsam haben

 

Content Note: Sexualisierte Gewalt

Wenn ein Star systematisch Leute vergewaltigt, ist das erst dann ein Problem, wenn es zu viele sind. Das zeigen etwa die Fälle der Entertainer Bill Cosby und Jimmy Savile. Auch die katholische Kirche konnte jahrzehntelang Kinder missbrauchen, ohne dass auch nur eine System-Frage gestellt wurde.

35 betroffene Frauen zeigen sich auf dem Cover des Magazins „New York“ – Bill Cosby hatte sie missbraucht oder vergewaltigt

Die Täter_innen profitieren von einer „Rape Culture“:

„Rape culture sind die unzähligen Arten auf die Vergewaltigung stillschweigend und offenkundig begünstigt und angespornt wird, dass sie unsere Kultur bis in die hinterste Ecke so durchdrungen hat, dass die Menschen nicht einmal erfassen können, was Vergewaltigungskultur wirklich ist.“

Sie äußert sich zum Beispiel, wenn sich Projekte oder Arbeitgeber nur auf öffentlichen Druck oder durch immenses mediales Interesse von Täter_innen trennen – wie zuletzt das TOR-Projekt im Fall Appelbaums, ein Star der Hackerszene.

These types of allegations were not entirely new to everybody at Tor; they were consistent with rumors some of us had been hearing for some time.

In dem Statement wird klar, dass viele Leute schon über eine lange Zeit wussten, dass da etwas läuft, eine klare Position wird dennoch nicht bezogen. In solchen Fällen eine häufige Reaktion, denn: „Ich weiß ja nicht genau, was da gelaufen ist.“,  „Ich kenne die Person nicht persönlich“ oder  „Das sind halt Gerüchte.“. Wenn von einem „großen Schweigen“ die Rede ist, hat das/die Opfer fast immer längst gesprochen – Mitwissende wollen es nur eben nicht so genau wissen und es gilt schließlich immer noch die Unschuldsvermutung! (Davon ist fast nur die Rede, wenn es um Vergewaltigungen geht.) Selbst wenn Betroffene ihre Geschichten (anonym) im Internet erzählen, müssen sie damit rechnen, dass ihnen nicht geglaubt wird, die Form kritisiert wird („Pranger“) oder ihnen mehr Vergewaltigungen an den Hals gewünscht werden – ganz egal, ob Anonymität sonst als wertvolles Gut geschätzt wird. Rechtsstaat und Polizei, denen sonst schon aus Prinzip misstraut werden, sind auf einmal unbedingt anzusprechen. Diese bizarren Doppelstandards dienen ausschließlich dem Derailing, also dazu, vom eigentlichen Problem – der sexualisierten Gewalt – abzulenken. Das nützt bloß den Täter_innen. Täterschutz ist auch, mit diesem einen Typen, über den „Gerüchte“ kursieren, casual ein Bier trinken zu gehen, statt nachzuhaken oder Stellung zu beziehen. Besonders wenn eine Person sehr aktiv in der Community eingebunden ist und viel beiträgt, wird gerne weggeschaut, weil der Mensch sonst echt dufte drauf ist. Die Betroffenen haben also direkt noch ein Problem: Sie müssen zusätzlich zu ihren Erlebnissen ertragen, selbst ausgeschlossen zu werden, wenn sie sich beispielsweise zu ihrer eigenen Sicherheit von Veranstaltungen fernhalten müssen, weil sie nicht sicher sein können, dass Täter_innen konsequent ausgeschlossen werden.

Eine Vergewaltigungskultur wird aber auch „im Kleinen“ gepflegt – wenn unwidersprochen über Vergewaltigungswitze gelacht wird oder Game of Thrones mal wieder zur Unterhaltung Hauptfiguren vergewaltigen lässt. Große Wellen hat vor Jahren ein Klotür-Kunstwerk im Hackspace c-base geschlagen. Anstatt hinzunehmen, dass einige Leute das Motiv einer überraschten und entblößten Dame auf der Toilette als unangemessen wahrnehmen, begann ein scheinbar zielloser Shitstorm gegen die feministische Weltverschwörung  – Vergewaltigungsdrohungen inklusive. Diese einigermaßen absurde Posse zeigte auf, dass mit aller Kraft an Althergebrachtem festgehalten wurde, statt, wie sonst in jenen Kreisen üblich, sich und andere immer neu zu hinterfragen und Probleme kreativ zu lösen. Schon ein Sticker auf dem Motiv war zuviel und „Sachbeschädigung“ statt „Hack“.

Die Vorstellung, dass auch Kunst Ausdruck einer Kultur sein kann und mit Kultur nicht unbedingt Bierbrauen oder das römische Reich gemeint sind, überstieg die Vorstellungskraft vieler. Dass es eine eigene Hacker-Kultur mit ungeschriebenen Gesetzen gibt, ist dagegen unbestritten. Konsequenterweise folge der nächste Shitstorm schon auf dem Congress ein Jahr später (Stichwort Creeper Cards). Vehement wurden und werden Anti Harassment-Policys bekämpft, der Einsatz von Awareness-Teams gebremst und Interventionen für eine gewaltfreie Community, die „excellent to each other“ sein will, als unnötig und überhaupt total Gedankenpolizei abgetan oder gar aggressiv verhindert. Femgeeks schreiben dazu:

Pikant ist, dass gerade nach den Ereignissen des 29C3 sich Netzfeminist*innen für eine effektive Anti-Harassment-Policy bzw. einen Code of Conduct stark machten, die aber bis heute auf Chaosevents nicht umgesetzt wurde. (…) Dennoch bleibt das flaue Gefühl: hätte eine deutlichere Policy zumindest im Falle von Nick Farr geholfen? Ob ein Rausschmiss einer mächtigen Szenegröße wie Appelbaum wegen Harassment dann aber tatsächlich realistisch stattgefunden hätte, darf aber bezweifelt werden.

So können sich Vergewaltiger über Jahre und allen Aussagen zum Trotz frei in Communities bewegen. Nach den ferngebliebenen Opfern fragt niemand (nichtmal dann, wenn die Nick Farr heißen). Gesuchte Vergewaltiger wie Assange dürfen sogar Keynotes halten. Das Engel-System (und hauseigene Awareness-Team) mag funktionieren, wenn es darum geht, Schnittchen zu schmieren oder am Infopoint zu sitzen, für die Verhinderung von sexualisierter Gewalt eignet es sich nicht. Wie die Polizei, die gegen Kollegen ermitteln soll, fehlt hier der neutrale, unabhängige Blick – wem würde Gehör geschenkt, wenn etwa ein Newbie ein etabliertes Club-Mitglied bezichtigt? Genau.

„Sowas gibt es bei uns nicht“ verlautbart es aus der Szene oft. „Sowas soll es bei uns nicht geben“ dagegen selten. Was so schwer daran ist, sich klar gegen Vergewaltigungen, sexualisierte Gewalt und Sexismus auszusprechen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, bleibt schleierhaft. Umso erstaunlicher, wenn man sich die linken Wurzeln des Clubs vor Augen hält. Aber weil eine Kultur auch immer im Wandel ist, besteht vielleicht noch Hoffnung. Dazu müssen sich der Chaos Computer Club und andere Projekte und Institutionen aber auch jede_r Einzelne endlich klar positionieren, denn in System-Fragen sollte die Hacker Kultur längst weiter sein als die Gesamtgesellschaft.

1379729_198516777192727_6531983136332997804_n

Die Klotür wurde umgestaltet

4 thoughts on Was Appelbaum und die Klotür gemeinsam haben

  1. Der Punkt bei Anti-Harrassment Policies, der einem so richtig die Galle hochgehen lässt, ist, dass es Modelle aus den USA im Geiste von Anwälten sind, die einer anderen Kultur penetrant und kulturfremd von außen aufgezwungen werden. Inhaltlich alles Placebostatus:

    „There are many parties associated with [event], and these guidelines apply equally there. Please consume alcohol responsibly.“

    Wenn ich Anwälte hasse, dann weil sie immerzu Regeln für Communities definieren wollen, denen sie nicht selbst angehören. Es kann nicht angehen, dass US Technikkonzerne uns erzählen wie der Hase läuft und ihre eigene Seuche der Anti-Harrassment-Code und CoC uns überstülpen, weil sie meinen das gehört zu einer Konferenz dazu.

    Und dann die Sache, dass es nicht angehen kann, dass Du aus den USA in ein anderes Land kommst, und denen dann erzählst, wie der Diskurs zu sein hat. Zum Beispiel, dass Du es nicht in Ordnung findest „pornografische Elemente“ in Slides zu haben.

    Man findet in Anti-Harrassment Policies immer vollkommen kulturfremde Werturteile konserviert, zum Beispiel:

    “ Keep your slide deck G-rated.
    Anything beyond the occasional mild cuss word is not appropriate.
    While criticism of software, programming practices, etc, is OK, please try to offer constructive improvements or alternatives as part of your talk.
    Personal criticism and ad hominem attacks are never OK. “

    Bei einer Hackerkonferenz erwartete ich, dass die Leute raw Info geben, mir sagen, dass eine Software scheisse ist, weil y, und ad hominem Attacken gegen Mächtige sind auch immer in Ordnung. Offenheit ist das wichtigste. CoC sind Machtinstrumente um einen eigenen aber praktisch durchaus dehnbaren Moralcode anderen aufzuzwingen. Eine Community legt durch ihre Praxis auch immer ihren kulturellen Code fest. Ob das Rapper, Metaller, Hacker oder sonst was ist. Wenn jemand niemanden fluchen hören will, dann soll er sich nicht unter Piraten begeben. Hacker haben sich einen Code gegeben, die Hacker Ethics, da können nicht irgendwelche puritanischen US-Amerikanerinnen kommen, und uns ihre Sensibilitäten aufzwingen. Das ist arrogant und chauvinistisch.

    Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe? Dafür haben wir Polizei. Wenn man was unangemessen findet, einfach kommunizieren und ausdiskutieren, warum man das nicht gut findet.

    Die Schwierigkeit ist, wir wissen genau von bestimmten Leuten, die über die Stränge schlagen.

    Da ist zum Beispiel diese Person aus der skandinavischen Piratenpartei-Bewegung, von dem mir andere Leute, die nah an ihm sind, erzählt haben, er sei pädophil. Soll ich das öffentlich machen? Ich denke nicht.

    Die Schwierigkeit liegt doch eher dabei, dass alle wissen, aber sich keiner traut, den Bully anzugreifen, weil man selbst dadurch nur Nachteile erhält. Als KönigsmörderIn, als NestbeschmutzerIn, als Person im Licht der Aufmerksamkeit, als verdächtigte Agentin „unserer Feinde“, die es auf ihn und seine noble Mission abgesehen habe, als „attention whore“, usw. Wie kann man das ändern?

    1. Wow, ok es geht nicht darum, dass Leute „über die Stränge“ schlagen. Die Formulierung würde ich eher benutzen, wenn eine Person zu viel trinkt und kotzt. Sexuelle Belästigung, Vergewaltigung und ähnliches sind ernsthafte physische und psychische Beschädigungen mind. einer Person.

      Zur Aufdrängung einer Kultur: Es geht nicht um eine bestimmte „US-Amerikanische“ Kultur, die von bösen Anwält*innen aufgezwungen wird, sondern um eine im gesamten westlichen Raum verankerte rape culture. Zur rape culture gehört auch die Verharmlosung von sexueller Belästigungen sowie Objektifizierung von Frauen für eine cis-männliche Heterogemeinde. Wenn also auf sexualisierte Gewalt, wozu auch sexualisierte Beleidigungen gehören, verzichtet werden soll, dann damit ein Raum für die Opfer von sexualisierter Gewalt sicherer gemacht wird.

      Es geht nicht um: Sensibilitäten aufzwingen, „kulturfremde“ Inhalte aufdrängen, „Werte“ verwässern. Abgesehen davon, dass mir die Galle kommt, wenn ich diese Worte höre, geht es um was anderes: sichere Räume, Vermeidung sexualisierter Gewalt, Abbau von rape culture.

  2. Wenn also negative Gräerüchte über eine Person im Umlauf sind, soll das genug sein, um sie rauszuschmeissen und nicht mit ihr zusammenzuarbeiten.

    Wie absurd ist das denn?

    Wenn also über jemanden Gerüchte kursieren, soll dieser konsequent gemobbt werden.

    Als Alternative schlage ich ein Gottesgericht vor. An Händen und Füssen fesseln, in den Fluss werfen. Wenn die Person ertrinkt, war sie unschuldig. Ist seit Alters her (ca. 800 Jahre) bewährte Praxis.

  3. „Zur Aufdrängung einer Kultur: Es geht nicht um eine bestimmte „US-Amerikanische“ Kultur, die von bösen Anwält*innen aufgezwungen wird, sondern um eine im gesamten westlichen Raum verankerte rape culture. Zur rape culture gehört auch die Verharmlosung von sexueller Belästigungen sowie Objektifizierung von Frauen für eine cis-männliche Heterogemeinde. Wenn also auf sexualisierte Gewalt, wozu auch sexualisierte Beleidigungen gehören, verzichtet werden soll, dann damit ein Raum für die Opfer von sexualisierter Gewalt sicherer gemacht wird.“

    Das Spiel ist: Eine Community hat Werte, was richtig und was falsch ist, und auch Ideen wie es besser werden kann. Dann wird ein Dokument für sie aufgesetzt von anderen, gegen das man sich nicht so wehrt, und wo man bestimmte Vorstellungen hat, wie das zu verstehen ist, wenn man überhaupt die Zeit findet sich damit zu beschäftigen. Dann kommen die Gouvernanten und erklären, was es bedeutet, und bauen ihre Wohlfahrtsausschüsse auf, und beschäftigen die Guillotinen.

    Du implizierst zum Beispiel, dass es eine in unserer westlichen Gesellschaft verankerte „pervasive“ falsche Kultur gibt, die du als „rape culture“ bezeichnest. Nun, will ich Dir die Macht geben, das Falsche auszurotten? Das „Falsche“ mag durchaus demokratisch sein, nämlich im Demos gelebt, also in der Gemeinschaft, die zu einem solchen Code ihre Zustimmung gibt.

    „Zur rape culture gehört auch die Verharmlosung von sexueller Belästigungen sowie Objektifizierung von Frauen für eine cis-männliche Heterogemeinde.“

    Ok, aber was bedeutet das praktisch? Wenn jemand anderer Meinung ist, dann ist er pathologisch. So immunisiert man sich gegen Gegenrede. Sehr gefährlich.

    Wir reden erst über etwas sehr konkretes, „rape“, was keiner haben will, und dann wird der Begriff unendlich gedehnt. Dann geht es plötzlich um die Reform der positiven „westlichen Gesellschaft“ und Abwehr von Widerständen gegen Deine Reform-Auffassungen.

    Solange mein(er Community) Verständnis von „Rape“ nicht mit Deinem Verständnis von „Rape“/rape culture übereinstimmt, ist es nicht empfehlenswert Dir Macht über mich/uns zu gewähren. Aber selbst wenn es das am Anfang des Prozesses tut, hast Du einen Freifahrtschein breitere Vorstellungen durchzusetzen und damit willkürliche Macht auszuüben, auf der Basis des Vorverständnisses.

Comments are closed.