#Aufschrei und dann Stille?

Mehrere Journalistinnen haben in den letzten Wochen über ihre alltäglichen sexistischen Erfahrungen geschrieben. Hier, hier und hier. Und damit ein Tabu gebrochen. Susanne Hartmann (W&V) schreibt auf die Frage, wieso sie es nie thematisiert hat:

“Weil ich auch nicht darüber schreibe, dass ich nach dem Aufstehen Zähne putze. Sexuelle Belästigung war für mich so selbstverständlich geworden, dass das Thema irgendwann seine Relevanz, seinen “News-Wert”, verliert.”

Sexismus, sexualisierte Übergriffe, Diskriminierung und Co. sind eine Alltäglichkeit, über die wir (Betroffenen) oft nicht mal weiter nachdenken. Darüber hinweggehen, weitermachen, abwinken, nicht so ernst nehmen, kannste nix machen, is halt so.

 

Seit letzter Nacht wird die Timeline auf Twitter vom Hashtag #aufschrei dominiert. Gut so! Gesammelt werden die Tweets hier. Hintergründe und Links gibts bei den Femgeeks. Anonyme Schreie nimmt Häkelklub entgegen.

Eine wichtige, empowernde Aktion. Frauen* trauen sich, über ihre Erlebnisse zu schreiben, vielleicht zum ersten Mal überhaupt. Jetzt schon haben einige Massenmedien die Aktion aufgegriffen und berichten darüber. Die mutigen Frauen* auf Twitter und die Journalistinnen haben da definitiv was losgetreten. Viele Männer* in meiner Timeline zeigen sich “entsetzt” “traurig” “wütend” über die geschilderten “Einzelfälle” und schämen sich.

Doch wie weiter? Das digitale Rauschen wird in den nächsten Tagen verebben. Viele Menschen fühlen sich von der Twitteraktion heftig getriggert, viele Berichte ist schwer auszuhalten. Diese Menschen sind damit allein. Bitte, seid aufmerksam und für die Betroffenen da.

Um die aktuelle Sensibilisierung konstruktiv zu nutzen, möchte ich euch, aber vor allem Männern, die sich als Unterstützer verstehen, einige Hilfestellungen aus meiner Stoffsammlung an die Hand geben, um in Zukunft mit Streetharassment, Sexismus und Co. besser oder überhaupt umzugehen.

 

Grundlagen

– Verstehen, was strukturelle Diskriminierung und Sexismus ist

Männliche Privilegien (Huch, so viele Einzelfälle!) reflektieren

– Aktiv Consent leben – nicht nur im Bett. Consent Culture Clarified, Materialsammlung

– Begreifen, dass “sogar wir in Deutschland” in einer Rape Culture leben, die Tabus um sexualisierte Gewalt und Belästigungen erst ermöglicht.

– Speak up: Teile deine Erfahrungen mit Street Harassment oder mit Breitmachmackern im ÖPNV

 

Leitfäden

You can stop rape (de)

Stuff what Boys can do (en)

Wenn du einer Grenzverletzung beschuldigt wurdest (de)

Wie verhalte ich mich möglichst nicht wie ein Arsch? (de)

Infos für Unterstützer*innen bei sexualisierter Gewalt (de)

 

I’ve got your back

Original, Deutsche Übersetzung übernommen von BerliniHollaback

Wir haben uns mit dem preisgekrönten „Bystander“ Programm Green Dot zusammengeschlossen, um Dir zu helfen bei Street Harassment erfolgreich einzugreifen.

Was ist ein Green Dot und wie funktioniert es?

Ein Green Dot ist schlicht der Moment in dem Du Dich bewusst sichtbar und aktiv gegen Street Harassment positionierst. Green Dot ermöglicht Dir zu zeigen, wie inakzeptabel Street Harassment ist und Du damit nicht einverstanden bist. Dadurch signalisierst Du Betroffenen von Belästigung, dass Du ihnen Rückhalt gibst („I’ve got your back“) und gleichzeitig allen anderen in Deinem Umfeld, dass Du erwartest das auch sie ihren Teil erfüllen, die Strassen sicherer zu machen

Street Harassment braucht Zwei Grundvoraussetzungen: 1) eine Person oder eine Gruppe, die sich entscheidet andere zu belästigen und 2) eine Gruppe von Zuschauer_innen, die nicht bereit ist einzugreifen. Wenn wir damit anfangen, Augenblicke der Untätigkeit mit Momenten des aktiven Handelns zu ersetzen, verwandeln wir unsere Vision von einem Leben ohne Street Harassment in Realität.

Wer nur daran denkt, wie schlimm Street Harassment ist, aber nichts dagegen tut wird nichts daran verändern. Sich gegen Belästigung zu positionieren ist die einzige Lösung. Sobald Du Dich engagiert hast, kannst Du Deine Geschichte auf berlin.ihollaback.org erzählen. Dadurch wirst Du andere Menschen dazu inspirieren, nicht passiv zu bleiben und Leuten, die schon Street Harassment erlebt haben, Mut machen.

Hier findest Du drei Schritte um vom aus eine_m inaktiven zu eine_m aktiven Bystander_in zu werden! (1) Merk Dir wie Street Harassment aussieht, (2) Denk über die Gründe nach, warum Du bisher inaktiv geblieben bist, (3) Wähle einen Green Dot aus, der für Dich am besten funktioniert!

(1) Was du vielleicht manchmal mitbekommst…ähm, ist das Street Harassment?

  • Kommentare über das Aussehen, das Geschlecht, die sexuelle Orientierung, etc. einer Person
  • Vulgäre Gesten
  • Sexuell und explizite Kommentare (zum Beispiel, „Hey Baby, ich würde gern ein Stück von Dir haben“)
  • Angaffen
  • Nachpfeifen
  • Kuss-Geräusche
  • Jemanden verfolgen
  • sich vor jemandem entblößen
  • Jemanden den Weg blockieren
  • Begrabschen und sexualisierte Übergriffe (zum Beispiel, die Brust, den Po oder die Beine einer Person anfassen)
  • Masturbation in der Öffentlichkeit

(2) Oh je, oh je, das ist SCHRECKLICH…ich muss unbedingt was machen…aber…

  • Ich traue mich nicht/ich bin zu schüchtern
  • Ich weiß nicht, was ich tun soll
  • Ich will nicht, dass der Typ mich anfasst
  • Was, wenn keiner mir den Rücken stärkt?
  • Was, wenn ich mich irre?
  • Ich will nicht selbst angegriffen werden
  • Ich habe es eilig oder bin spät dran
  • Vielleicht bin ich der/die Einzige, der/die denkt, dass es unverschämt ist und die Betroffene findet es ok
  • Wenn ich was sage, meine Freunde werden mich für komisch halten
  • Mir gegenüber sitzt jemand total attraktives und der wird mich bestimmt niemals anquatschen, wenn ich jetzt einschreite
  • Ich muss jeden Tag hier vorbei laufen – vielleicht begegne ich denen nochmal
  • Niemand anderes macht was
  • Die sind viele und ich bin alleine
  • Wenn ich es der Polizei sage, vielleicht helfen auch die nicht
  • Ist meine Reaktion übertrieben?
  • Das ist mein Freund, der diese versauten Sachen sagt…

Es kann super schwierig sein, einer Person den Rücken zu stärken, auch wenn wir es wirklich wollen. Die gute Nachricht ist, das macht Dich nicht zu einer schlechten Person – es macht Dich nur menschlich! Noch mehr gute Nachrichten (genau, es gibt mehr als nur eine) – egal, wie schwierig es scheint, es gibt immer etwas Machbares, womit auch Du Dich wohlfühlen wirst!

 (3) Die Badass-Bystander Moves

In dem Augenblick…

„Green Dots“ richten auf:

  • „Hey, hör auf „
  • Sag der Person, du rufst gleich die Polizei wenn…
  • „Alles klar!?“
  • Stell dich neben der angegriffenen Person damit die anderen wissen, sie sind nicht allein
  • Frag die betroffene Person, „nerven sie dich?“
  • Mach ein Foto mit deinem Mobiltelefon
  • Guck missbilligend in die Richtung der Belästiger
  •  Schlag vor, mit den Betroffenen bei der nächsten Haltestelle/Station auszusteigen und zusammen mit dem nächsten Zug/Bus zu fahren
  • „Lass sie/ihn in Ruhe“
  • Lach nicht, mach nicht mit
  • Sag laut „iiiiii, eckelhaft!“
  • Sprich mit deinen Freunden darüber und sag warum du es total uncool findest
  • Frag die betroffene Person, ob du helfen kannst
  • Sag dem Belästiger, du hast Polizist_innen um die Ecke gesehen, nicht dass sie in Schwierigkeiten geraten, wenn sie nicht sofort aufhören…
  • Sag der betroffen Person, es war nicht ok, was passiert ist und es tut Dir Leid, dass es passiert ist.

Green Dots delegieren:

  • Ruf die Polizei
  • Brüll „Irgendjemand muss etwas machen“
  • Als Gruppe eingreifen, statt allein
  • Schick Freund_innen, die in der gleichen Bahn sind, eine SMS und bitte sie um Hilfe
  • Stell Augenkontakt mit anderen Zuschauer_innen her und frag sie, was ihr tun könntet

Green Dots zur Ablenkung:

  • Frag nach dem Weg
  • Biete der betroffenen Person Deinen Sitzplatz an
  • Starte einen Flashmob
  • Tue so als ob du das Target schon immer kanntest und sag „Ich habe überall nach Dir gesucht – schnell, die anderen warten schon auf uns“
  • Als Ablenkungsstrategie lass Deine Tasche auf den Boden knallen
  • „Aus Versehen“ den Kaffee verschütten

*Anmerkung zu Deiner Sicherheit: Wir möchten in jedem Fall verhindern, dass Du dabei verletzt wirst, während Du einer anderen Person hilfst. Denk immer an Deine Sicherheit und ziehe Dinge in Betracht, die Dir diese Sicherheit ermöglichen (die Polizei rufen, andere Leute mobilisieren etc)

 

Und zuletzt: Tragt den Aufschrei auf die Straßen – am 14.02.13 ist der Internationale Aktionstag gegen Gewalt an Frauen.

18 thoughts on #Aufschrei und dann Stille?

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  5. Glaubt der Autor oder die Autorin eigentlich das es nur sexismus von Maennern gibt?

    Und haben nicht auch wir Frauen etliche Privilegien.

    Ich dachte es geht bei dem Aufrschei im sexuelle Belaestigung allgemein.

    Reply
    1. Hallo Silke,

      zum Thema weibliche Privilegien steht hier etwas.
      Und ja, die Autorin glaubt, dass es keinen Sexismus gegen Männer gibt. Schön knappp erklärt wird das in diesem Kommentar.
      Etwas länglicher wird es im “Was ist Sexismus” Artikel erläutert, der auch verlinkt ist.

      Reply
  6. Pingback: Der Aufschrei « Etwas Text zu diesem und jenem

  7. Pingback: #Aufschrei | sofakante

  8. Mal sehen, ob dieser Blogkommentar jetzt durchkommt (du blockst mich ja bei Twitter), aber ich habe echt lange daran herumgefeilt und versuche, so sachlich wie möglich zu sein.

    Was unter #aufschrei beschrieben wird, ist übel und verdient erst einmal Solidarität, bevor man mit irgendeiner Diskussion anfängt.

    Was mir aufgefallen ist: In den Medien wird so getan, als wären die unter #aufschrei beschriebenen Übergriffe alle lediglich über das Ziel hinausgeschossene Flirtversuche und es wird gefragt “Was darf man beim Flirten denn überhaupt noch sagen?” usw. Dabei bilden Grenzüberschreitungen bei Annäherungsversuchen nur ein geringen Teil der Vorfälle, Sprüche wie “Du bist ein Mädchen, also kannst du kein Physik” oder Exhibitionismus in der S-Bahn fallen bestimmt nicht in diese Kategorie. Und vieles ist so krass überzogen, dass selbst der sozial ungeschickteste Mann es merken sollte. Vielleicht führen Machtstrukturen dazu, dass man(n) denkt, sich viel mehr herausnehmen zu können, als ich es mir für mich vorstellen kann.

    Reply
    1. Ja, es geht um Macht.
      Um die Macht der Deutungshoheit in Bezug auf Sexualität, denn wie anders ist das gängige Argument (auch von Frauen überstrapazierte), frau könne sich ja wehren, zu verstehen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, sich mit dem nötigen Respekt zu begegnen und darum, sich miteinander sicher zu fühlen.

      Dafür müssen die Machtverhältnisse neu definiert werden. Wenn sich Frau einmal überlegt, welches und wessen Spiel sie eigentlich spielt, wenn sie sich vom Herrn Papa zum Altar führen und sich so dem zukünftigen Ehemann übergeben lässt (auch noch im Angesicht der Kirche!!), fallen einem noch mehr Alltagsrituale ein, die das Machtverhältnis, Frauen als sexuelles Eigentum zu sehen, gesellschaftlich manifestieren.

      Ich begrüße den #aufschrei sehr, weil er die einseitig definierten Machtverhältnisse offenbart. Und bestimmte Reaktionen aus etablierten Mündern zeigen, was passiert, wenn dieses Spiel nicht mitgespielt wird – Frau wird lächerlich gemacht.

      #aufschrei empfinde ich als einen gelungenen Start zu mehr sexueller Bewusstheit.

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  14. Die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau mögen ungleich sein, aber man ist nie nur Träger einer Rolle.
    Wie sieht die Machtverteilung z.B. zwischen einer Chefin und ihren (männlichen) Angestellten aus?
    Nun sind Frauen noch lang nicht so häufig in Führungspositionen anzutreffen, aber natürlich findet man Frauen häufig auch im mittleren Managment etc.

    Andererseits habe ich auch wenig Verständnis für Frauen die unbedingt an eine Machtposition kommen wollen. Denn die sagen nicht, es ist scheisse das es ein Machtgefälle zwischen Menschen gibt – sondern, wir wollen auch mitmachen beim Ausbeuten und Herumkommandieren unserer Untergebenen.

    Reply
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