Teh Interwebs
“Wie ist das so, als im Internet aktive Frau?”
1. Foren
Liebe stereotype Frauen, ich will euch wirklich gerne mögen. Aber solange Webforen wie http://www.gofeminin.de/ mit Themen wie “Mode, Beauty, Stars, Hochzeit, Mama & Co., Liebe, Psychologie, Horoskop, Diäten…”, www.erdbeerlounge.de oder www.neon.de die einzigen Plattformen sind, auf denen ihr euch traut, das Maul aufzumachen, wird das mit uns nichts. Es sind weitgehend Männerbefreite, “sichere” Zonen dort, und ich kann gut nachvollziehen, warum man diese bevorzugt:
Als ich begonnen habe, ein Linux-OS zu benutzen, hatte ich einige Fragen, die nur durch Lektüre nicht geklärt werden konnten. Glücklicherweise gibt es eine breite Community, man hilft sich. Als ich mich im deutschen Userforum mit einem geschlechtsneutralen Nick anmeldete kam: Nichts.
Ich suchte eine schnelle Lösung, probierte es mit einem Nickname wie “SweetTwen” und hatte innerhalb von Minuten meine Antwort. Ich habe mein Geschlecht bewusst instrumentalisiert, weil es so nun mal läuft. In Kauf genommen habe ich dabei auch, dass mir fern eines neutralen Tonfalls, anzüglich bis herablassend geantwortet wurde. Poste ich nun meinerseits zu einem beliebigen Thema, von dem ich zufällig Ahnung habe, als (erkennbare) Frau, kann ich davon ausgehen, dass mein Post wahrscheinlich zerrissen werden wird. Und das, auch wenn ich auf übermäßigen Emoticongebrauch, Antoine de Saint-Exupéry-Signatur und ähnlichen, gerne von Frauen verwendeten, Tand verzichte, eine angemessene Rhetorik verwende, neutral und sachlich bleibe und ohne Zweifel Recht habe.
2. Soziale Netzwerke
Noch nie habe ich eine Kontakt-Anfrage von einer anderen Frau erhalten, die ich nicht sowieso kenne. Noch nie einen Fotokommentar von einer Fremden. Noch nie einen spontanen Pinnwand-Eintrag zu meinem Geburtstag. Obwohl Facebook und Co. keine Partnerbörsen sind, kann ich davon ausgehen, dass ich mit einem “Single-Status” entsprechende Reaktionen von Männern erhalte. Egal wie versoffen und beschissen ich auf meinen Profilfotos aussehe, Loch ist schließlich Loch (?). Also bin ich mit einer Freundin “verheiratet” und gebe mich damit wissentlich der Lächerlichkeit preis, um kein Freiwild zu sein und mir Ärger zu sparen. Die Hartnäckigen schreckt das freilich nicht.
3. Blogs
Sicherlich gibt es etliche Blogs von jungen Frauen, die nicht nur Mode, DaWanda-Shopping-Fundstücke, Make Up oder Cupcakes vorstellen.
Spontan fällt mir persönlich aber kein deutsches Top-Blog mit inhaltlicher Tiefe und Themenbreite, herausragender Kreativität/Originalität oder dem richtigen Gespür für aktuelle Themen ein, der von einer jungen Frau geführt wird. Es gibt Frauen wie Annalist, die politisch bloggen. Die Popkultur im Bereich Blogging aber dominieren Männer. Warum?
Viele dumme Leute schreiben viele dumme Sachen und machen viele dumme Aktionen. Die “Blogosphäre” liebt ihre Shitstorms. Beispiellos ist wohl dennoch der, der Ende letzten Jahres auf die Bloggerin Piratenweib niederging, nachdem sie ein paar Abmahnungen verschickte. Ob man die Frau, ihr Blog, ihre Gründe, ihre Taten gutheißt oder nicht, soll hier nicht zur Debatte stehen, ich möchte sie nur unter dem Aspekt “politisch motivierte Frau mit Blog” betrachten. Mir fällt kein Shitstorm in diesem Ausmaß ein, der über einen Mann (Wer erinnert sich noch an Tauss vs. Ruhrbarone?) mit vergleichbarem Verhalten niederging. Warum?
Einer der – für mich – eindrucksvollsten Texte der letzten Monate kommt von einer Frau, die -brillant- über eine andere Frau herzieht. Leider betreibt auch Nadia kein eigenes Blog, sondern schreibt für ein Gemeinschaftsprojekt.
4. IRC/Chats
“Das Netz”, das waren und sind vor allem IRCs und Chats, wo sich alles und jeder trifft und potenziert. Spätestens beim Betreten eines neuen Servers/Channels/Chatrooms bin ich Frischfleisch. Was sich im Reallife schnell und ohne Worte, zumeist nicht mal mit offensichtlichen Blicken vollzieht, ein Kompatibilitäts-Check, wird hier mit: “Pix?” auf den Punkt gebracht. Denn es zählt primär nicht, wer ich bin, was ich suche oder was ich zu sagen habe. Es geht um BOOBS! Na klar! Jeder mag Titten! Jeder mag Pr0n! Ist doch alles nicht so ernst gemeint und wer den Humor nicht mitmacht, ist sowieso ein automatischer Außenseiter. Ich lache über dreckige Witze und ich weiß die ständige Sexualisierung für mich zu nutzen. Aber: mein Hamster ist heute gestorben, mir dürstet nach einer Diskussion über Dadaismus und mir erzählen parallel vier Männer, dass sie gerade dicke Eier haben und dass ich auf den gegoogelten Bildern echt süß aussehe. So ist das eben, muss frau mit klarkommen, wenn sie sich das Chatten traut.
Wir Nerdetten
Bei H&M kann frau sich mit echt nerdiger Brille mit Plastikgläsern eindecken, ein neuer Stereotyp Frau ist längst geschaffen, wie das Logo der Bloggerin von http://www.nerd-in-skirt.de/ eindrucksvoll zeigt.
Rockabella Touch, www.thinkgeek.com T-Shirt, Twitter- (oder OHO! identi.ca-) Account, fertig ist die “Web. 2.0.-Nerdette”. Das alles hat mit Know-How, “Geekness”, technischem Interesse oder gar Außenseiter-Tum selten etwas zu tun. Es ist ein denkbar einfacher und Weg, im Internet als Frau zu überleben und sich dort durch “Individualisierung” Boden zu schaffen. Popkulturize ALL the Nerds! Wo aber eine Frau freiwillig ihren Körper als Kleiderständer benutzt, wo Phantasie-Phantasien befriedigt werden sollen, um sich Zugang zur Zugehörigkeit zu verschaffen, da gibt es keinen Platz für Inhalte.
Ausgrenzungsgefährdete Bevölkerungsgruppe
“Den Rückstand von ausgrenzungsgefährdeten Bevölkerungsgruppen bei der Internetnutzung bis 2010 zu halbieren, ist das Ziel der Europäischen Kommission im Rahmen der eInclusion@EU-Initiative. Zu diesen Bevölkerungsgruppen zählt die Kommission neben älteren Menschen, Menschen mit Behinderung, Frauen, niedrig qualifizierten Menschen und benachteiligten Jugendlichen auch Menschen mit Migrationshintergrund.” (aus: http://www.frauen-ans-netz.de/Digitale-Integration/Frauen)
Als Frau, die gleichzeitig “Digital Native” ist, empfinde ich diesen Text als pure Beleidigung. Ich will nicht ob einer gefühlten oder realen “Ausgrenzungsgefährdung” “speziell gefördert” werden. Ich will ernst genommen werden. Von Männern und von anderen Frauen. Und vor allem möchte ich, dass wir uns endlich selbst ernst nehmen. Wieso auch nicht?

Endlich mal ein guter Beitrag zur Debatte, dafür nen Keks
Es ist sehr schade, dass du recht einseitig geblieben bist und unter Blogs von Damen diejenigen genannt hast die sich auch sehr viel damit beschäftigen Wunden zu lecken anstatt einfach mit im “Chor” des Rests der Welt mitzusingen und was wertvolles zur Popkultur beitragen.
Und nicht nur Damen erhalten Shitstorms epischen Maßes sondern auch Menschen mit Penis. Frag mal Fefe. Das ist bei dem ein Dauershitstorm, doch der kann auch austeilen. (Achja und Witze über seine Figur bekommt er auch en Masse.)
Achja und diese typischen Tussenforen sind halt genauso wie Foren für Typen die nur über Tuning, Autos und Fussball reden.
“Achja und diese typischen Tussenforen sind halt genauso wie Foren für Typen die nur über Tuning, Autos und Fussball reden.”
Ich denke, sie werden von einer breiten Masse genutzt, die zu ignorieren falsch wäre. Kein Anspruch auf Vollständigkeit, was die verwendeten Beispiele betrifft.
Nur mal so ein Gedanke zu “Frauen in Linuxforen” …
Je mehr sich trauen, je mehr sollten sie sich auch trauen Dinge, die sie stören, zu benennen.
Das Äquivalent des eisig strafenden Blickes für eine derbe Zote im RL, wirkt ja da auch.
Nicht allzu beleidigende Hinweise auf mangelndes Erwachsensein bringt auch pubertierende Jungs meist dazu, sich mal ein wenig zusammenzureissen und werden dann auch von vielen anderen Teilnehmern Unterstützung erfahren. Ständiges “Tits or GTFO” bringt einen auch fachlich ja meistens nicht wirklich voran.
Ich will damit sowas sagen wie: wenn die “Quote” steigt, sollte eigentlich auch das Klima automatisch besser werden.
Trotz alledem ist für immer mehr Leute “das Internet” ein immer normalerer sozialer Raum, und in sozialen Räumen wird nun mal auch “gebalzt”. Das ist wohl auch einfach so.