Nur 140 Zeichen – 2 Jahre Twitter

Seit exakt zwei Jahren benutze ich den Microbloggingdienst Twitter.
Zeit, für eine Reflektion.

Immer mal wieder wird mir bewusst, dass mich über 1.600 Menschen auf Twitter abonniert haben und mich mehr oder weniger begleiten.
Das ist manchmal ziemlich creepy. Zum Beispiel, wenn es dazu führt im Meatspace von Wildfremden mit privaten Themen konfrontiert zu werden, die ich aber ja schließlich vorher in dieses Internet geschrieben habe.

Mein Account ist seit einiger Zeit protected, was mir nach wie vor ein Gefühl der subjektiven Sicherheit gibt. Immerhin – ich bin nicht jederzeit von überall für jeden per Weboberfläche lesbar. Bei weit über 1.000 Lesern können die Informationen, die ich über mich veröffentliche, trotzdem nie “gedeckelt” werden, das ist mir bewusst.

Ich weiß nicht, was diese Menschen eigentlich wollen, was sie reizt, warum sie mich teilweise seit Jahren begleiten, aber das ist vielleicht gar nicht so wichtig. Ich schreibe nach wie vor in erster Linie für mich und zu Alltagsdokumentationszwecken und nicht für ein Publikum. Momente wie “Das kannst du doch jetzt nicht so schreiben, was sollen die Leute denken” wische ich meistens schnell weg, gefühlt ist den meisten meiner Leser Authentizität wichtig und ein glattgebügeltes @antiprodukt wäre lediglich Produkt.

Ich nutze Twitter meist sehr persönlich, dokumentiere kleine und große Alltagsbegebenheiten, blase in die Welt, was ich gerade lese, angucke, berührend finde. Twitter ist nett und klein und simpel und läuft irgendwie nebenher mit.

Twitter beschränkt sich für mich nicht auf einen Webdienst, sondern ging und geht für mich viel weiter:

- Newsaggregator
Twitter ist am schnellsten. Egal ob tote Promis, Eilmeldungen zum Weltgeschehen, großartige Blogposts von unbekannten Autoren, Relevantes aus “den klassischen Medien” oder Nischenthemen, über die nie jemand große Aufmacher veröffentlicht – hier erfahre ich es zuerst. Andere Medien zur Newsbeobachtung nutze ich gar nicht mehr.

- SMS Ersatz
Verzichte auf 20 Zeichen, schreibe eine DM (Direkt Message), spare 0,17€.

- Flauschsource
Meine Follower sind (natürlich!) die Besten. Deshalb habe ich in den vergangen zwei Jahren frisch gebackenen Kuchen, Nudel- und Reispakete, Medikamente, Selbstgebasteltes, Portraitbilder, Festplatten, Hundefutter, Hello Kitty-Duschgel, Blumensträuße (…) per Post zugeschickt bekommen. Das ist unglaublich. Ich selbst würde eher nicht zur Post laufen, um irgendwem irgendeine Freude zu machen. Und doch, in heftigen Zeiten, egal ob finanziell oder emotional, waren das Dinge, die mich aufrecht gehalten haben.

Daneben retteten zahlreiche DMs, Replies, Flattr-Klicks oder auch E-Mails meine Tage.

- Netzwerk
“E-Mail-Adressen austauschen ist so 90er.” Auf Veranstaltungen frage ich neue Kontakte zunächst nach ihrem Twitterprofil. Es ist eine angenehme Möglichkeit, in Kontakt zu bleiben (siehe SMS-Ersatz). In den letzten zwei Jahren habe ich sehr viele Follower persönlich kennengelernt, mein Netzwerk hat extrem gewonnen. Im Gegensatz zu anderen Communities finden solche Meatspace-Abgleiche meist weitgehend erwartungsfrei statt. Das ist angenehm.

- Prokratinier-Tool No. 1
Twitter unterhält, entführt, schlägt Bushaltestellen-Zeit tot und hilft beim Einschlafen.

- Meinungsbildner
Meine politische Bildung und Persönlichkeitsentwicklung ist durch Twitter nachhaltig verbessert worden. Ich erhalte Themenanreize, von denen ich zuvor nie gehört habe.
Themen wie Feminismus fand ich vor Twitter für mich nicht relevant, allein engagierten Menschen wie @lotterleben oder @schwarzblond, die mich nachhaltig inspiriert und auch getreten haben, verdanke ich das Mind-Opening.
Das gilt für zahlreiche andere Themenbereiche und andere Menschen genauso. Shitstorms und Rages sind nicht nur sinnlos und zerstörerisch, sie lenken auch den Blick und öffnen den Kopf.

- Du bist nicht, nie, jemals, ever alleine. 
Sofern du ausreichend Menschen folgst, schweigt deine Timeline nie. Zahlreiche wache Nächte habe ich mit Smartphone in der Hand verbracht, ohne mich allzu isoliert zu fühlen.

- “Stimmungstagebuch im Rahmen einer langfristigen Selbsttherapie”
Dieser alte Text aus meiner Twitterbio gilt nach wie vor. Ich benutze Twitter auch, um Dinge aus dem Kopf zu kriegen, die mich emotional beschäftigen. Mich befreit das. Feedback oder auch das Wissen um Mitleser ist dabei nicht immer angenehm, hilft aber oft, Dinge im Kopf klar zu kriegen. Humoristische Kackscheißeverarbeitung statt Schleifen im Kopf.

- Sammelbecken 
Jeder benutzt Twitter individuell. Das ist toll und macht die Nutzungsmöglichkeiten nahezu unendlich. Zwar bewege ich mich zunehmend in “Filterbubbles”, entdecke aber doch immer wieder Neues, gucke über den eigenen Tellerrand, finde tolle Menschen, bereichernde Accounts, spannende Themen.

- Diskussionsplattform
In 140 Zeichen kann man nicht diskutieren. Stimmt nicht. Es ist eine Herausforderung und viele Zwischentöne bleiben ungehört, echte Dispute zwischen zwei Personen tragen sich immer noch besser am besten Face-to-Face aus und dennoch: indirekte Kommunikation ist eine Chance. Menschen mischen plötzlich mit, bringen neue Aspekte ein, man erfährt Support von unbekannter Seite, lernt, zu fokussieren und auch, wann ein Gesprächsabbruch Sinn machen kann.

- Synergien
Ab geschätzten 500 Follower beginnt die #followerpower zu wirken – Nicht googelbare Inhalte, Umzugshelfer, Haustierbörse, Lebenshilfe, Kochrezepte (…) – mitunter passieren erstaunliche Dinge und ich liebe die unmittelbaren Info-Pongs.
Mitfahrgelegenheiten, Übernachtungsplätze, spontane Abendunterhaltung, und sogar Event-Tickets – Twitter, oder besser: meine Follower, ermöglichen mir Partizipation trotz klammer Geldbörse. Das ist soviel mehr als profane “Online-Unterhaltung”. Es macht mir Mut, es Abbildung des Flow unserer Zeit.

 

[tl;dr]

Alles in allem ist Twitter für mich unverzichtbar und ein wertvoller Begleiter geworden.

“Ist nur Twitter, nehmt das nicht zu ernst” – Es ist (für mich) nicht nur eine Community, sondern berührt fast alle Lebensbereiche und ist schon lange eine Schnittmenge zum Meatspace geworden.

Und zum Schluss: Einfach mal Danke. Twitter is still the shit.

 

 

Übrigens: Nach wie vor wäre es mir lieber, wenn alle 689 Menschen, denen ich folge, eine quelloffene und zensurfreie Microblog-Alternative wie identi.ca statt Twitter benutzen würden. So ist mein eigener Account dort eher inaktiv.

4 Kommentare

  1. aprica sagt:

    +1
    Und Danke für deine Tweets! <3

  2. gilbster sagt:

    Ich bestätige das mit der Meinungsbildung. <3

  3. laprintemps sagt:

    Deine Tweets sind wirklich immer wieder eine wunderbare Inspiration. Und ein Tritt in den Magen. Danke.

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