Wieso der Begriff “Fremdenfeindlichkeit” stinkt

Fremdenfeindlichkeit

Als ich vorgestern einen Artikel im Fokus über eine rassistisch motivierte Tat las, stieß mir erstmals der verwendete Begriff “Fremdenfeindlichkeit” so richtig auf. Anstatt einfach zu recherchieren, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was daran mich stört. So richtig auf den Punkt bringen konnte ich das nicht – irgendwas mit Reproduktion des Konzeptes “Menschen können fremd(er) sein”.

Eigentlich umfasst der Begriff “Fremdenfeindlichkeit diverse Diskriminierungsintentionen. Darunter fallen beispielsweise Ableismus, Klassismus, Homophobie etc.. Aber nur eigentlich. In den Medien wird das Wort fast immer dann verwendet, wenn es um rassistisch motivierte Straftaten geht.

Praktisch wird mit der Begriffsverwendung ein stückweit legitimiert – “es” ist ja fremd, das darf ruhig ungewohnt/komisch/beäugenswert/beängstigend usw. sein. Im “Kleinen Formulierungsratgeber für Journalisten” wird ausgeführt:

Es ist jedoch in jedem Falle so, dass nicht die Herkunft oder Äußerlichkeiten des Opfers den Grund für eine Tat darstellen, sondern die Einstellung des Täters zu diesen Eigenschaften des Opfers.

Anatol Stefanowitsch meinte im Verlauf der Twitterdiskussion dazu dann auch:

„Fremdheit“ selbst ist ein soziales Konstrukt, es gibt m.E. auch keine „natürliche“ Ablehnung von Dingen, die uns „fremd“ sind.

Wirklich auf den Punk gebracht wurden meine Zweifel dann hier:

Fremdenfeindlichkeit ist ähnlich wie Ausländerfeindlichkeit ein Begriff, der verwendet wird, wenn Einwanderer abgelehnt, diskriminiert und misshandelt werden. Es handelt sich dabei um eine gezielte Ausgrenzung von Gruppen, die als ethnisch anders, also als “fremd” angesehen werden. Fremdenfeindlichkeit wird häufig mit unbestimmten Ängsten begründet. Eine Konkurrenzangst wird entwickelt, die sich zur Feindlichkeit steigert.

Ähnlich wie Ausländerfeindlichkeit ist Fremdenfeindlichkeit eine Konstruktion und die Bestimmung von “Fremdheit” und “Fremdsein” beliebig. Die Entstehung von Fremdheit ist eine komplizierte und sehr willkürliche Angelegenheit. Daher ist die Verwendung des Begriffs Fremdenfeindlichkeit häufig unpräzise. Noch schlimmer: Durch seine ständige Verwendung wird die Distanz zu den Opfern der “Feindlichkeit” aufrechterhalten. Das Opfer bleibt fremd, es war ja “keiner von uns”. Bei den Phänomenen, die der Begriff “Fremdenfeindlichkeit” beschreibt, handelt sich meist um Rassismus. - Bulletin 1/2002: Rechtsextremismus heute – Eine Einführung in Denkwelten, Erscheinungsformen und Gegenstrategien. ZDK

Was dann?

Xenophobie

Von einigen Menschen habe ich gehört, dass sie bevorzugt das Wort “Xenophobie” verwenden, um den Begriff Fremdenfeindlichkeit wegzulassen. Beide Wörter bedeuten das selbe. Zwar wird in der lateinischen Version “das Fremde” nicht transportiert, dennoch ist imho der Begriff nur selten angebracht. Eine generelle Einstellung oder Denkweise kann durchaus als “xenophob” bezeichnet werden. Aber: Wenn es sich bei $diskriminierungsanlass um Rassismus handelt, nenn es Rassismus. Wenn es sich um Homophobie handelt, nenn es Homophobie. Bei Diskriminierung genau hinzugucken und sie entsprechend zu benennen ist wichtig.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Dieser Begriff gefällt mir ganz gut, inkludiert er doch das Wesentliche: Hass. Außerdem ist er integrativ orientiert und zeigt auf, dass Diskriminierung in vielen verschiedenen Ausprägungen daher kommen kann.
“Als gemeinsamer Kern der diesem Begriff zugeordneten Phänomene wird eine Ideologie der Ungleichwertigkeit angenommen – die Gleichwertigkeit und Unversehrtheit von spezifischen Gruppen der Gesellschaft werde in Frage gestellt.” 

Weitere Vorschläge gerne in die Kommentare.

 

 

Quellen/Weiterführendes

Grundbegriffe Rechtsextremismus
Formulierungsratgeber für JournalistInnen [.pdf]
Forschungsergebnisse gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

 

11 Kommentare

  1. prolet☭in sagt:

    “Eine Konkurrenzangst wird entwickelt, die sich zur Feindlichkeit steigert.”

    um was für ne konkurrenz gehts denn?

  2. 7h3linguist sagt:

    Danke fuer den Post, gefaellt mir gut.

  3. prolet☭in sagt:

    “Dieser Begriff gefällt mir ganz gut, inkludiert er doch das Wesentliche: Hass.”

    einfach so hass hat niemand. was mir _auch_ an der bielefelder forschung auffällt: kritik wird nicht geleistet, eher nur beschrieben.

  4. prolet☭in sagt:

    wieso nicht einfach rassismus?
    ich hab mal das mit gewinn gelesen:
    http://gegenargumente.de/broschuere/rassismus.pdf

  5. Xeelee… sagt:

    Hallo,
    danke für deinen Blogeintrag, aber meiner Meinung nach ist der Begriff der Xenophobie schon allein durch seine Definition gegeben…

    Betrachtet man den Begriff des Fremd seins einmal losgelößt vom rassistischen Kontext, der wie du bereits geschrieben hast, sehr wohl als solcher bezeichnet werden muss. Für sich allein kann Fremd ein Gefühl sein, sich (mit etwas oder jemenschen) nicht vertraut sein. Dann kann die Angst vor dem Fremden sehr wohl ein Oberbegriff sein, sowohl für die Angst vor unbekannten Speisen, ungewohnten Sozialen Strukturen und Interaktionen und halt auch vor einem Menschen, den mensch nicht kennt.

    Soweit würde ich, wie du, die inflationäre Verwendung des Begriffs anprangern, der dadurch eine Wertverschiebung erfährt. Leider damit auch hin zu einem Wertverlust, da es im subjektivem Empfinden dann als weniger schlimm wahr genommen wird.

    LG Xeeleeuniversum

    PS: Xenos = der Fremde, Phobos = die Angst ist Altgriechisch

  6. Q-Rai sagt:

    Wie bereits auf Twitter geschrieben: Ich bevorzuge, die Dinge beim Namen zu nennen. Rassismus als etwas anderes zu bezeichnen ist letztendlich ein Euphemismus und daher in meinen Augen unangebracht.

    Fremdenfeindlichkeit: Für mich ist jede_r, die_den ich nicht kenne, erstmal fremd. Aber für Hass braucht es einen Grund, für Angst nicht. Wenn also jemand wirklich Angst vor Unbekannten/m hat, ist Xenophobie vielleicht angebracht. Aber eigentlich ist das immer konkreter als pauschal “alles Fremde”, und an der Stelle ist auch Xenophobie schon wieder eine unnötige Verallgemeinerung und – in meinen Augen – Verharmlosung. Das hat sowas von “der_die kann nicht anders, als [Menschengruppe] zu hassen, sie_er hat ja Angst vor allen [fremden Menschengruppen].”

    Zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit stehe ich etwas ambivalent. Ja, es ist auf jeden Fall besser als die Alternativen, soweit stimme ich zu. Aber letztendlich bleibt auch das für mich ein Euphemismus.

  7. neapel sagt:

    Mir scheint “gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” aber das gleiche Problem zu haben: es hört sich an, als gäbe es die angefeindete Gruppe, bzw. gehöre das Opfer dazu, und zwar auch außerhalb der Vorstellung des Täters. Aber geht hier eben um deren Vorstellung und Motivation, wie letztlich in dem “Homophober Angriff (gegen Heterotypen)”-Blogpost beschrieben: es ist hier egal, zu welchen Gruppen das Opfer tatsächlich gehört. Deshalb passt Fremdenfeindlichkeit m.E. schon, der Täter empfindet es als fremd, das ist die Motivation…?

  8. A.S. sagt:

    Zur „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“: An sich ein guter Versuch, einen Oberbegriff für verschiedene Arten von Menschenfeindlichkeit zu finden, denen sich Individuen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ausgesetzt sehen. Aber ich stimme neapel zu, dass der Begriff suggeriert, die jeweils relevante Gruppe gebe es tatsächlich. Damit wird versteckt, dass jede gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im ersten Schritt eine Gruppe definiert (oder eine existierende kulturell tradierte Definition aufgreift), bevor diese dann Ziel der Feindlichkeit wird.

    Als erste Annäherung würde ich stattdessen den Begriff „kategorisierende Menschenfeindlichkeit“ vorschlagen, der deutlich macht, dass die Kategorisierung – die Postulierung einer Kategorie sowie die Zuordnung eines Individuums zu dieser – von Person vorgenommen wird, von der die Feindlichkeit ausgeht.

    Mich stört allerdings auch der Begriff „Feindlichkeit“, der mir etwas verharmlosend erscheint. Feindlichkeit kann m.E. ausdrücken, dass ich einer Sache oder Person ablehnend gegenüberstehe, ohne dass diese Ablehnung sehr tief geht oder mit Verachtung gekoppelt ist. „Menschenhass“ und oder „Menschenverachtung“ benennen den Kern der Sache ehrlicher.

    Also: „kategorisierender Menschenhass“/„kategorisierende Menschenverachtung“ als Oberbegriff, und dann ein genauer Blick auf die im einzelnen relevanten Kategorien, an denen dieser Menschenhass festgemacht wird. Denn diese Kategorien unterscheiden sich ja sehr stark z.B. in ihrer historischen Dimension, in der Absolutheit, mit der Menschen ihnen zugeordnet werden usw.

  9. Name* sagt:

    Wie wäre es, Betroffene zu fragen und sichtbar zu machen? Noah Sow schreibt in “Deutschland Schwarz Weiß” ausführlich und erhellend über das Thema. Auch auf “der braune mob e.V.” könnte direkt verlinkt werden. Dort findet sich auch Weiterführendes.

  10. istvan kantor sagt:

    mir fehlt da der staat, der wirklich definieren kann, wer inländer ist und wer hier nichts zu suchen hat. spätestens da hat das mit sozialer konstruktion halt nichts mehr zu tun, sondern passiert durch gewalt.

    dazu passend: http://www.ichunddie.net/2012/07/06/wie-kommen-auslanderinnen-in-die-welt/

  11. ETesh sagt:

    Der Begriff “Fremdenfeindlichkeit” ist völlig in Ordnung!

    Jeder Mensch neigt dazu, sich als Angehöriger einer (wie auch immer definierten) Gruppe zu betrachten. Das beginnt mit der Zugehörigkeit zu einer Familie/Stamm/Nation oder einer politischen Richtung, einer Religion,… bis hin zur sexuellen Orientierung oder dem biologischen Geschlecht.

    Dabei kommt (meist unbewusst) auch noch die Unterstellung hinzu, dass sich Mitglieder einer Gruppe auch in anderer Hinsicht ähneln.

    Das gilt dann nicht nur für die eigene Gruppe, sondern eben auch für andere Gruppen: Alle Hacker sind “Nerds”, alle Frauen sind friedlich, alle Männer sind aggressiv, alle Anwälte sind schmierig,… alle Deutschen sind Nazis, alle Juden sind böse,…

    Sobald man sich aber nur durch seine Gruppenzugehörigkeit definiert, definiert man auch diejenigen, die nicht zur Gruppe gehören, als “die Fremden”. “Die” haben andere Ansichten, Gewohnheiten, … die der eigenen entgegen gesetzt sind. Sonst würden “sie” ja nicht zu einer anderen Gruppe (=diejenigen, die nicht in der eigenen Gruppe sind) gehören.

    Diese _Unterstellung_ einer Fremdartigkeit sorgt dann ggf. für ein Misstrauen, dass über die Angst vor dieser “Andersartigkeit” bis zum Hass auf “die” führen kann. Insbesondere dann, wenn es zu keiner Kommunikation (auf gleicher Augenhöhe!) kommt.

    Genau diese Angst vor “denen” ist es, was man sehr gut mit Xenophobie bezeichnen kann.

    Und es gibt kaum jemanden, der nicht schon Opfer dieser Angst wurde. Dabei meine ich mit Opfer nicht nur diejenigen, die als andere gebranntmarkt werden/wurden, sondern auch diejenigen, die andere aufgrund ihrer eigenen Furcht ausschließen.

    Würden wir uns alle mehr darum bemühen, uns _selber_ und gegenseitig mehr als Individuen wahrzunehmen, wäre viel gewonnen.

    In diesem Sinne ist der Begriff “Xenophobie” nur deswegen etwas diffus, weil auch unser Gefühl für “fremd” etwas eher diffuses ist. Man könnte möglicherweise “fremd” hier als Synonym für “unbekannt” sehen.

    ETesh

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